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Samstag, 26. Mai 2012

Kosmonauten des Underground


Es ist Samstag Abend und ich arbeite. Aber, wie schon Roger Schawinski wusste: Who cares? Zwar habe ich zwei der drei nachfolgenden Bücher an dieser Stelle schon kurz erwähnt, doch will ich nochmals gesammelt drei Werke empfehlen, deren Lektüre eine hervorragende Übersicht über die Berliner Technoszene liefert. Ich schreibe - ganz nebenbei, nicht? - meine Masterarbeit zu diesem Thema. Sauglatt, nicht, nicht?

Anfangen würde ich wohl mit dem neuesten Buch 'Der Klang der Familie', welches die zeitlich am weitesten zurück liegende Phase abdeckt: vor und insbesondere nach dem Mauerfall 1989. Die Autoren Denk und von Thülen haben Zitate aus zahlreichen Interviews zu einer sehr schön lesbaren Collage vereint. Mit diesem Buch erhält man ein lebhaftes Bild der Anfänge. Back to the roots.


Nach einer Verschnaufpause, die wird für die Lektüre des zweiten Buches nötig sein, folgt Anja Schwanhäußers Ethnografie der Szene: 'Kosmonauten des Underground'. Die Autorin leistet eine wunderbar tiefgreifende Beschreibung eines sehr relevanten und charakteristisch prägenden Teils der ganzen Berliner Szene für elektronische Musik: der im Stadtraum umherschweifenden, driftenden Akteure des Techno-Underground. Eindrücklich wie sie Fäden verknüpft - Urbanität, Postmoderne, Bourdieu und das Neue Kleinbürgertum, Drogen, Subkultur. Man könnte die Aufzählung noch lange weiterführen. Ein fantastisches Buch, basierend auf ihrer Dissertation an der Humboldt. Nach der Lektüre hat man ein reiches und wertvolles Verständnis der Szene. (P.S.: was zur Abrundung aus heutiger Sicht fehlt ist sicherlich das schwule Element. Ostgut/Berghain und so.)


Damit kann nun das letzte und zweifellos bekannteste der drei Bücher in Angriff genommen werden. Es stammt vom angesehenen Journalisten Tobias Rapp und beschreibt vorwiegend die Entwicklungen der Nullerjahre. Natürlich kann man das leicht verdauliche und unterhaltsame Buch 'Lost and Sound' auch für sich genommen lesen. Im Dreierpack jedoch rundet sich das Bild erst richtig ab. Denn: wir reden von einer kontinuierlichen Entwicklung. Eines geht ins Andere. Alles macht Sinn.


Nach der Darlegung der Anfänge, einem detaillierten Blick in die Seele der Szene sowie einer Fortschreibung der Entwicklungen in den 2000er Jahren will ich nun versucht sein, ebenfalls einen den Zeitgeist fassenden und daran anknüpfenden, bedauerlicherweise bescheidenen Beitrag zu leisten: die Koordinierung und Regelung der Clubszene im Spannungsfeld der städtischen Entwicklung. Die Troika von Clubbetreiber, Politiker und Beamten - mit dem vermeintlichen Intermediären zwischendrin. Denn eins ist klar: Berlin befindet sich im stetigen Wandel. Die Stadt wird bürgerlicher und die Szene, die einen ganz wesentlichen Einfluss auf die Herausbildung des famosen Neuen Berlins hatte - und immer noch hat - sieht sich, wieder mal und in zunehmendem Maße, bedroht. Im Hintergrund sprechen wir von Kämpfen um und Spielen im Stadtraum. Was passiert, was ist zu tun?

Sonntag, 6. Mai 2012

Urban Gardening in Berlin


Urban Gardening ist derzeit in aller Munde. Kürzlich strahlte sogar das ZDF eine Diskussionssendung zum Thema aus. Und wenn alle schon darüber diskutiert haben - dann kommt noch der Berner. Ja, so sind wir: dynamisch und herrlich. Aber das ist eine altbekannte Tatsache, noch älter als Urban Gardening. Weil Urban Gardening aber wirklich etwas ist, was auch ein Berner erfunden haben könnte, möchte ich mich dem Thema doch auch noch widmen. Wie? Ich stellte meiner Freundin und urbanen Gartenexpertin (sie hat eine Masterarbeit zum Thema verfasst) fünf Fragen.

1) Wie unterscheidet sich urbanes Gärtnern von den bekannten Schrebergärten und vom berüchtigten Guerilla Gardening?

Ich verstehe urbanes Gärtnern als Sammelbegriff für die verschiedenen Formen gärtnerischer Aktivitäten in der Stadt. Die Kleingärten einerseits entstanden um die Jahrhundertwende und unterscheiden sich von den urbanen Gemeinschaftsgärten m. E. vor allem durch ihr Verhältnis zur Stadt: Sie waren schon immer – und sind es heute noch – kleine Fluchten aus der Stadt. Im Gegensatz dazu verstehen sich die Gemeinschaftsgärten andererseits klar als einen Teil der Stadt und sind fast immer auch sehr politisch. In den Gemeinschaftsgärten wird zudem großer Wert auf das Gemeinschaftliche gelegt. Was jedoch nicht heißt, dass alle Beete gemeinschaftlich bearbeitet werden. Es wird zusammen gegärtnert, geerntet, gefeiert, gekocht oder für bestimmte Anliegen gekämpft. In den Kleingärten ist dies tendenziell weniger der Fall, da dort jeder für seine eigene Parzelle verantwortlich ist. Allerdings findet in den Kleingärten momentan ein Generationenwechsel statt, der das bisweilen biedere Image dieser Gartenform möglicherweise etwas aufbrechen wird. Guerilla Gardening ist wiederum die anarchistische Form urbanen Gärtnerns. Dabei werden, meist des Nachts, öffentliche Flächen oder private Brachen bepflanzt. Die Motivationen der Guerilla Gardener sind dabei ganz unterschiedlich und reichen von politischen bis zu ästhetischen Anliegen.


2) Was zeichnet die von dir untersuchten urbanen Gartenprojekte in Berlin aus?

Allen drei Gärten ist gemeinsam, dass sie auf ihre Weise sehr politisch sind. Die einen verstehen sich vor allem als Bildungsgarten, in dem die Menschen auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Bereichen sozusagen informell gebildet werden. Anderen geht es eher um Nahrungssouveränität, die Erhaltung der Sorten- und Artenvielfalt, den Kampf gegen Gentechnologie, die Bildung von sozialen Netzwerken oder den Kampf für mehr qualitativ hochwertiges Grün in der Stadt. Zwei der Projekte funktionieren, wie die meisten Gemeinschaftsgärten, auf freiwilliger und unbezahlter Basis. Die Betreiber des dritten Gartens dagegen haben das klare Ziel, dass im Garten auch Arbeitsplätze geschaffen werden sollen. Um die nötigen finanziellen Mittel zu generieren werden hier Gemüse und Kräuter verkauft und im Gartencafé gibt es Getränke, Kuchen und Mittag- sowie Abendessen mit Zutaten aus dem Garten zu kaufen.


Unterschiede zwischen den Gärten sind auch in ihrem Erscheinungsbild auszumachen. Der ‚Prinzessinnengarten’ ist ein mobiler Garten, der jederzeit umziehen kann: Gemüse und Blumen werden in Bäckerkisten, Reissäcken oder Tetrapacks gepflanzt und nicht direkt in den Boden. Ähnlich ist es im ‚Allmende-Kontor’ auf dem Tempelhofer Feld: Hier ist der Boden vom ehemaligen Flugbetrieb so kontaminiert, dass man nicht direkt in den Boden pflanzen darf. Deshalb haben die Gärtnerinnen und Gärtner aus Holz, Badewannen, alten Schränken und Betten, Blumentöpfen, Waschschüsseln und vielem mehr Hochbeete gebaut. Der Garten ‚Ton, Steine, Gärten’ am Kreuzberger Mariannenplatz gleicht am ehesten einem wenn man so will normalen Garten. Auf den gut 1‘000 qm wurde der Boden vom Bezirksamt saniert, so dass auf dem öffentlichen Grundstück in den letzten Jahren ein schöner, dichter Garten entstehen konnte.



3) Was hast du über die Macher und Beteiligten dieser Gärten erfahren?

Die InitiatorInnen sind meist sehr idealistische, politisch aktive und sehr engagierte Menschen, denen das Wohl ihrer Mitmenschen am Herzen liegt. Es handelt sich dabei um gut ausgebildete Leute, meist AkademkierInnen. Auch ein guter Teil der Gärtenrinnen und Gärtner kann dieser Gruppe zugerechnet werden. Allerdings hat jeder Garten – je nach Lage und inhaltlicher Ausrichtung – seine ganz eigene Mischung an Leuten. Meistens sind viele junge Menschen beteiligt, dafür scheint es aus unterschiedlichen Gründen schwierig zu sein, Migrantinnen und Migranten in die Projekte einzubinden.



4) Inwiefern siehst du positive Effekte dieser Gärten auf Stadtviertel oder Städte?

Die Effekte von urbanen Gemeinschaftsgärten auf Städte sind sehr vielfältig und oft nicht auf den ersten Blick erkennbar. Sicherlich stärken sie den Zusammenhalt zwischen den Menschen im Garten und schaffen einen Ort für Begegnungen, die im Alltag nicht zustande kommen würden. Dadurch entsteht ein grösseres gegenseitiges Verständnis, was gerade in Vierteln mit schwächerer Sozialstruktur zu lokaler Verbesserung im Sinne eines gesteigerten Sozialkapitals beitragen kann. Durch die Auseinandersetzungen mit den städtischen Behörden werden die Gärtnerinnen und Gärtner überdies auch für städtische Verwaltungsprozesse sensibilisiert und erhalten dadurch möglicherweise ein besseres Verständnis für die Funktionsweise ihrer Stadt. Sie sehen, dass es möglich ist, auf eigene Faust ein Stück Stadt zu gestalten und einen vormals grauen Ort in einen blühenden Garten zu verwandeln. Das kann die Verwurzelung mit dem Stadtviertel erhöhen und die Bildung einer lokalen Identität fördern; Stichwort bürgerschaftliches Engagement. Auch wenn ein Garten nicht die ganze Stadt verändert, kann er doch sicherlich positive Auswirkungen im Kleinen haben.




5) Warum denkst du sind urbane Gärten überhaupt ein Thema unserer Zeit?

Es gab grundsätzlich schon immer Gärten in der Stadt. Momentan scheinen sich viele Menschen zunehmend für ihre Umwelt aber auch für ihre Ernährung zu interessieren: Woher kommt mein Essen? Was ist gesund? Die Gemeinschaftsgärten bieten in diesem Kontext einen Ort, an dem über solche Themen diskutiert, wo aber auch praktisch gearbeitet und ausprobiert werden kann. Viele Leute suchen womöglich vermehrt nach Verwurzelung und innerer Ruhe. Gleichzeitig beobachtet die Trendforschung die Suche nach grösseren Freiräumen und Autonomie, aber auch eine Suche nach sinnlichen Erlebnissen. Es reicht einer wachsenden Zahl von Leuten nicht mehr, in den Supermarkt zu gehen und sich ein Produkt aus dem Regal zu nehmen. Sie wollen wissen wie etwas hergestellt wurde, welche sozialen und ökologischen Auswirkungen der Konsum hat. Diese Bedürfnisse können im Garten befriedigt werden. Bei all diesen Betrachtungen darf jedoch nicht vergessen werden, dass es sich bei diesen Leuten, wie bereits oben erwähnt, vor allem um ein gut ausgebildetes, oft akademisches Publikum handelt. Selbstverständlich gibt es auch Gärtnerinnen und Gärtner, die aus weniger gesicherten Hintergründen stammen und das Gärtnern sehr viel pragmatischer betrachten.

Die Fotos stammen allesamt aus dem Berliner Prinzessinnengarten und wurden am 5. Mai 2012 aufgenommen. Die Macher dieses Gartens haben soeben ein eigenes, empfehlenswertes Buch veröffentlicht. Mach die Stadt grün!

Mittwoch, 7. März 2012

Master(oftheuniverse)arbeit


Mein Studium ist bald zu Ende - leider. Als nächstes würde mir jetzt eigentlich ein Philosophiestudium gut tun, also etwas mit Substanz um später einmal noch reicher zu werden. Saustinkreich! Billionaire Philosophers Club! Meine auf den Bahamas zugelassene Yacht wird dann Sokrates heissen und ich höre den ganzen Tag Soft Rock und steuere die Häfen der Vernunft an um kurze Zeit später wieder in die Weiten des undurchschaubaren, mächtigen Unbewussten zu segeln. 30 Punkte habe ich ja schon aus dem Bachelor, also sind es nur noch läppische 90 ECTS bis zum Stardom-Bachelor plus 60 ECTS in Psychologie. Den Master würde ich mir vielleicht sogar schenken - wenn der Vodka Cranberry fair genug ist.

Seit Januar schreibe ich meine Masterarbeit, so sieht es aus. Worum geht es? Um die Governance der Berliner Clubszene. Ich betrachte also Clubs für elektronische Musik in den Berliner Stadtteilen Friedrichshain und Kreuzberg und analysiere sie im Spannungsfeld von Politik und Stadtentwicklung. Weshalb? Weil ich so auf die Gästeliste komme, ja göttlich.

Ich schweife ständig ab, liegt wahrscheinlich an der Güte des Kindness-Debütalbums, das ich mir gerade anhöre. Tatsächlich ist es so, dass die von mir untersuchten Clubs zur sogenannten Kreativwirtschaft (Creative Industries im Englischen) gezählt werden. Diesem Wirtschaftsbereich, und damit auch den Clubs, wird ein beträchtliches Potential für städtische Entwicklung zugeschrieben. Potentiale, die so vielfältig wie teilweise umstritten sind. Man lese hierzu u. a. Charles Landry oder Richard Florida, um nur die beiden bekanntesten Autoren zu nennen. Mit der Kreativwirtschaft verbindet man aber auch "neue" Arbeits- und Gesellschaftsformen. Alles nebensächlich jetzt.

Im Grunde ist es so, dass Berlin das weltweite Zentrum für elektronische (Club-) Musik ist, die Clubs wie wahrscheinlich überall auf der Welt jedoch ständig unter Druck stehen. Ich untersuche nun wie die Clubs, gewisse Intermediäre, Politiker und Behörden (Wirtschaftsförderung, Stadtplanung etc.) agieren, denken etc. und wie sie miteinander in Beziehung stehen. Dies kann man erstmal einfach analysieren. Darauf aufbauend werde ich jedoch auch noch normative Aussagen treffen; also zu erläutern versuchen, welche Strategien, Regelungen und Beziehungsformen die lokale Clubszene realistischerweise stärken könnten.

Heute hatte ich meine ersten Interviews: mit einem legendären Clubbetreiber sowie mit einem Leiter eines Netzwerks von Berliner Clubs. Wenn ich nicht Leute interviewe, sitze ich jedoch meistens in der fabelhaften Bibliothek der Humboldt-Universität. Es gibt davon natürlich mehrere, die Geographie ist jedoch auf dem randstädtischen Campus Adlershof angesiedelt. Die Lage ist zwar relativ lausig, die Einrichtung lässt - zumindest bei mir - jedoch kaum Wünsche offen. Ich kann hier kostenlos eine Arbeitskabine mieten, in welcher es sich wie in einem Büro arbeiten lässt.



Wenn ich meinen Kopf anhebe und zum Fenster richte, was tatsächlich oft geschieht, erspäht mein Blick die Schönheit einer kargen Betonwand. Da ich aber in Berlin sitze, ist sogar diese Wand historisch interessant. Sie gehört zu einem Windkanal aus den 1930er Jahren, der damals Teil der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt war. Direkt vor meinem Fenster befindet sich auf dieser Wand eine in russischer Sprache angebrachte Inschrift: "Kontrolliert, keine Mienen" - die Rote Armee war dann also 1945 auch da, und hat einiges mitgenommen wie man hört.


Ich will mich jetzt nicht übermässig rühmen - das gehört sich nicht, auch wenn es gerechtfertigt wäre -, aber wenn ich um 9.30 Uhr in die Bibliothek komme und meinen Arbeitstag endlich beginne, sieht es im zentralen Lesesaal oftmals noch so aus:


Ich weiss die orthodoxe Andacht der Bibliothek in Adlershof sehr zu schätzen. No hipsters, no catwalk, no distraction. Just nerds, "monkalikes", or emptiness (Kult: ich verwende das Oxford-Komma!). Und meterweise Regale mit ukrainischen und russischen Büchern über Mathematik (P.S.: die Humboldt-Universtität war während der Deutschen Teilung die Hochschule der DDR, und da denkst du tatsächlich, die hätten angelsächsische Bücher gehabt, haha, nein! Heute gibt es einige wenige, haha.).

Wenn das nur gut kommt mit dieser Abschlussarbeit.

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Themen einer Studentenparty in Berlin

Letztes Wochenende wollte mein noch junger und ergo ungeheuerlich dynamische Mitbewohner eine Party bei uns zu Hause organisieren. Mehr wider- als willig stimmte ich zu, schleppte Bier und stellte Musik für den Abend zusammen. Geblieben sind mir, wenn ich nach ein paar Tagen spontan zurück denke, vor allem drei Dinge:

1) Ja, man kann Caipirinha auch aus 0,5-Liter-Biergläsern trinken. Stil ist hier nicht die Frage. Qualität aber schon, und die gewährleistete unser Chef de Bar Iannis aus Lausanne ohne Wenn und Aber.


2) Zwischen zwei Runden entwickelte sich eine angeregte Debatte über Country-Musik. Ich hatte mit den löblichen Zielen a) der Erheiterung meines Gemüts, b) der Erzeugung von Gesprächsstoff und c) der Idee einer "Weiterbildung für intellektuelle Studenten" einige Stücke währschafter Country-Musik in meine Playlist des Abends integriert. Man macht ja schliesslich auch Bildungsreisen mit Freude? Warum sollte ein derartiger Aspekt nicht auch auf einer ansonsten Hundsverlocheten Sinn machen?

Wie dem auch sei. Die Punkte a) und b) konnten so ohne weiteres umgesetzt werden. Dass jemand anders ausser mir nachhaltig an Country-Musik Gefallen entwickelte muss jedoch stark in Frage gestellt werden. Schelte von allen Seiten war die Reaktion der Narren. Doch weiss ich wahrlich nicht, was an solcher Musik auszusetzen sei.



3) Dann war wahrlich Zeit für die nächste Runde.


God natt killar!

Montag, 29. August 2011

Fremdgehen

Zurzeit schreibe ich regelmässig für ein zweites Blog einige Artikel zu Themen wie Place Management und Branding sowie Urban Development. In der letzten Zeit habe ich dort die drei folgenden englischen Artikel verfasst.

Der aktuellste Artikel beleuchtet die städtebauliche Entwicklung in Örestad, einem neuen Stadtteil der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Zwar habe ich auf diesem Blog auch schon mehrfach zu diesem Gebiet geschrieben, doch behandelt mein neuster Post noch andere Aspekte im Zusammenhang mit dem Bereich 'Urbanism'.
Der zweite Artikel handelt von Schweizer Städten und deren Versuch, die Innenstadtlagen konsequent zu ästhetischen Freilichtmuseen zu entwickeln. Die Leitfäden, welchem Design eine Außenbestuhlung von Gastronomiebetrieben gerecht werden soll, sind meines Erachtens - wie eigentlich alles im Leben, nicht wahr (?) - eine zweiseitige Geschichte. Alles ist immer eine Frage der Perspektive und Argumentationsebene.

Schlussendlich habe ich in einem dritten Artikel noch einige Worte zu Destination Branding durch die Filmindustrie verloren. Denn, mal ehrlich: gibt es jemanden, der Neuseeland nicht mit der Filmtrilogie 'Herr der Ringe' in Verbindung bringt? Der (touristische) Jackpot für die Kiwis! Andere Orte, andere Filme oder TV-Serien, anderes Image. Fazit: Die Habaschen in Hollywood sollten lernen, dass auch ihr Tun böse Konsequenzen haben kann. Deshalb plädiere ich ja auch schon seit Jahren dafür, dass es nur noch Filme mit positiver Message geben sollte. Alles andere können wir uns volkswirtschaftlich in diesen schweren Zeiten einfach nicht mehr leisten. (*Räusper!*)

Sonntag, 17. Juli 2011

Soziale Segregation in Berlin - Neukölln

Gestern war ich - wie das ab und zu der Fall ist - auf einer der wunderbaren elektronischen Berliner Openair-Parties. Die kleine aber feine Feierei fand versteckt in einem gewerblich-industriellen Hinterhof in Neukölln statt. Und wie ich auf dem Rad durch Neukölln fuhr und mit meinem Kumpel im arabischen City Chicken Restaurant ein halbes Hähnchen verdrückte und dabei Rai aus den Autos dröhnte, musste ich abermals über diese Stadt und den Stadtteil Neukölln staunen. Ich nehme dieses Staunen zum Anlass, in wahrscheinlich zwei Beiträgen etwas über die Stadtentwicklung in Neukölln zu schreiben. Den ersten Teil bildet die historische Entwicklung Berlins - mit Blick auf die Sozialstruktur und auf Neukölln, klar.

Im Studium wollte ich einmal der möglicherweise trivialen Frage nachgehen, inwiefern sich soziale Strukturen von heute durch die historisch-bauliche (und damit hintergründig natürlich auch politisch gestaltete) Stadtentwicklung 'erklären' lassen. Die Frage ist also: Kann ich aufgrund der Stadtentwicklung einfach nachvollziehen, weshalb Neukölln in der letzten Vergangenheit ein sozial so unglaublich schlecht gestellter und sozial segregierter Stadtteil wurde? Ich zeige nun zur ansatzweisen und vereinfachenden Beantwortung dieser Frage einige von mir in dilettantischer Art und Weise angefertigte Skizzen und ergänze diese durch begleitende Worte.

Wir beginnen im Mittelalter. Damals war Berlin klein, kompakt und fürs Mittelalter typisch in sich 'geschlossen'. Die Karte markiert diese Stadt als MA. Mit dem Aufstieg Berlins zur preussischen Stadt musste die Stadtstruktur geöffnet und erweitert werden. Dem Zeitalter entsprechend plante und realisierte der Hof eine barocke Residenzstadt (17. Jh), in der Karte als R gekennzeichnet. Damit, und insbesondere dann auch im 18. Jahrhundert mit Friedrich "dem Großen" und seiner Vorliebe für Potsdam (Karte: P) und Schloss "Sanssouci", entstand eine Berliner Westorientierung: Die Macht lag auf der Achse Zentrum - Westen.


In der Industrialisierung explodierte die Stadt bezüglich Einwohnerzahl usw.. James Hobrecht wurde mit der Planung der räumlichen und sozialen Stadtentwicklung beauftragt, was in der Entstehung der Berliner "Mietskasernenstadt" resultierte. So wurde um das vorindustrielle Zentrum herum der sogenannte "Wilhelminische Gürtel" gebaut; ein Ring von hoch verdichteten, kompakten Stadtvierteln: im von Großindustrie (GI), Industrie (I) oder Manufakturen (M) geprägten Norden, Osten und Südosten vor allem für die Arbeiterklasse und tendenziell mit Kleinwohnungen (KW); im vormals aristokratisch geprägten Süden, Westen und insbesondere Südwesten für das aufstrebende Bürgertum mit Großwohnungen (GW). Dazu kamen ausserhalb dieses Rings die großbürgerlichen Villenviertel (V), die wiederum keinem Ringschema mehr folgten, sondern an günstigen Lagen entwickelt wurden – vor allem wiederum im Südwesten, zwischen Berlin und Potsdam.


Diese Entwicklungsstufe bildete gewissermaßen die Basis. Im weiteren Verlauf der Geschichte kamen, da der zentrale Raum nun bebaut war, zunehmend Überprägungen dieser Basis und punktuelle Auflockerungen hinzu. Die strukturell wichtigsten waren einerseits die modernen Großwohnsiedlungen am Stadtrand und andererseits die Berliner Mauer.

Erstere (z.B. Gropiusstadt, Märkisches Viertel und Marzahn; in der folgenden Skizze ausserhalb des innerstädtischen Kreises/Rings liegend) waren in der Zeit ihrer Entstehung beliebte Wohnorte: nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele zentralere Häuser zerstört, beschädigt und/oder in der Folge aus v. a. ideellen Gründen massiv vernachlässigt worden. Dazu boten die neuen Wohnungen (am Stadtrand) mit Heizung etc. deutlich mehr Wohnkomfort und sie entsprachen ferner einem nicht zuletzt politisch motivierten Idealbild vom Wohnen am Stadtrand.

Die Mauer (Skizze: Mauerverlauf durch 'X' gekennzeichnet) wiederum als Grenze zwischen zwei miteinander konkurrierenden Gesellschaftssystemen bildete eine gewaltige Schneise quer durch die Stadt. In ihrer Umgebung schienen Investitionen und dergleichen aufgrund des nahen 'Feindes' vollkommen sinnlos. Ehemals zentrale Lagen wurden so plötzlich sehr peripher - nahe an der Grenze zu einer anderen, potentiell bedrohlichen Welt.

Was geschah also? Wer es sich leisten konnte oder in einer nun aufgrund der Mauer abgewerteten Gegend lebte zog in beiden Stadtteilen (!) oftmals in die neuen, für mehrere 10'000 Menschen gebauten Großwohnsiedlungen. Im Westteil wurden die innenstadt- und mauernahen Gebiete derweil zunehmend durch Arme, Alte und v. a. Ausländer - z. B. türkische 'Gastarbeiter' - bewohnt. Im Osten dagegen waren die räumlich gleich zu charakterisierenden Gebiete keine Ausländerquartiere, denn in der DDR gab es keinen Zustrom von Ausländern. Die innenstadt- und mauernahen Gebiete waren mit Ausnahme vom politischen Zentrum in Mitte vielmehr Gebiete für Alternative - die dem realsozialistischen System und seinen Umwälzungen hin zu den normierten Wohnungen am Stadtrand eher kritisch gegenüber standen - sowie für Menschen, die vielleicht gerne in eine neue Wohnung gezogen wären, diese aber aufgrund der staatlich gesteuerten Vergabe nicht erhielten. Zusammengefasst gab es nun aufgrund dieser städtebaulichen Veränderungen der Großwohnsiedlungen und der Mauer erhebliche Wanderungsströme: (untere) Arbeitermittelklasse geht raus, Arme und Alternative bleiben, Ausländer im Westteil kommen rein. Und so sah dann dementsprechend die mittlerweile kompliziertere Berliner Welt aus:


Nun kommen wir, ich verspreche es, zum Abschluss. Ich selbst würde nun aufgrund der oben genannten Ausführungen erwarten, dass, sagen wir 10-20 Jahre nach dem Mauerfall, insbesondere die Gebiete sozial am schlechtesten gestellt sind, die a) innerstädtisch im Westen nahe am ehemaligen Verlauf Mauer liegen und b) zu den ehemals nicht-aristokratischen und nicht-bürgerlichen Gebieten gehören. Dies wären dann die Stadtteile Wedding, Kreuzberg und Neukölln.

Schaut man sich die nachfolgende Karte des Berliner Sozialindex 2008 an, sieht man genau diese Stadtteile als dunkelrot gekennzeichnet; innerstädtisch ist sie soziale Lage tatsächlich dort besonders bedenklich, wo in der Skizze oben die KW-Gebiete links (also westlich) der Mauer liegen.

Wir sehen allerdings auch, dass nicht nur Neukölln - und Teile Kreuzbergs sowie der Wedding - tief dunkelrot gefärbt sind. Rote Farbe konzentriert sich auch am westlichen (Spandau) und östlichen Stadtrand (Marzahn). Dies wiederum ist meines Erachtens eine Folge der Jahre seit dem Mauerfall. Auf die unmittelbare Gegenwart und die Zukunft sowohl von Berlin als auch im Besonderen Neukölln komme ich dann jedoch in der Fortsetzung dieses Beitrags zu sprechen. Ich werde darin einerseits die Prognose aufstellen, dass Berlin zunehmend Paris ähnlich sein wird. Andererseits werde ich erklären, weshalb sich Neukölln meiner Meinung nach heute (2011) als Gebiet für Immobilieninvestitionen auszeichnet. Beides ist u. a. auf zeitgenössische Tendenzen im Städtebau zurückzuführen. Und die Tatsache, dass ich in Neukölln auf Openair-Parties gehen kann ist auch ein Indikator.

Montag, 4. Juli 2011

Mieten in Berlin

Anschliessend an meine Ausführungen zur Stadtentwicklung in Kreuzberg möchte ich heute einige Worte zu den Mieten in Berlin verlieren. Kürzlich wurde der Mietspiegel 2011 publiziert, worauf ich in diesem Post eingehen will. Nachfolgend deshalb einige Daten und Entwicklungen.

Berlin ist im Vergleich zu Köln, Hamburg, Frankfurt und München deutlich günstiger. Der Medianpreis für Mieten beträgt 6,38 Euro/qm (netto, kalt). Dies entspricht 53 % des Münchner Mietpreises, 61 % des Mietpreises in Frankfurt, 69 % des Hamburger und 75 % des Kölner Mietpreisniveaus. Der Mittelwert wiederum liegt bei 5,21 Euro/qm (netto, kalt).

Gesamthaft erstreckt sich der städtische Wohnungsmarkt von einem Einsteigepreis von unter 4 Euro/qm für einfache Wohnungen in eher schlechten Lagen bis zu 10 Euro/qm. In dieser Bandbreite liegt der Berliner Wohnungsmarkt wesentlich unter den oben erwähnten deutschen Vergleichsstädten. Auf der nachfolgenden Grafik kennzeichnet rot gute Wohnlagen, orange mittlere Wohnlagen und gelb einfache Wohnlagen:

Betrachtet man die Entwicklung über die letzten zehn Jahre, erkennt man eine annährend linear verlaufende Teuerung der durchschnittlichen Mieten.

Für das letzte Jahr galt ein Preisanstieg von durchschnittlich 4 %. Betrachtet man den Mietpreis von 4 Euro/qm für das Jahr 1999 als Grundlage, so liegen die Mieten heute - also 12 Jahre später - zirka 30 % höher. Zum Vergleich: Der Mietpreisindex der Stadt Zürich stieg im Zeitraum 2000 bis 2011 - also in elf Jahren - um 18 %. Schaut man genauer hin, so zeigen sich beträchtliche lokale und funktionale Unterschiede. So stiegen die Mieten in den guten Wohnlagen letztes Jahr um fast 11 % an. Besonders stark stiegen zudem die Mieten für Altbauten an, welche sich vornehmlich innerhalb des S-Bahn-Rings befinden:

Die Leerstandsquote in Berlin hat sich in der Zeit zwischen 2001 und 2010 auf 3 % halbiert. Zum Vergleich einige Städte in der Schweiz: Zürich 0, 07 %, Lausanne 0,2 %, Genf 0,25 %, Bern 0,45 %, Basel 0,8 %. Begründen lässt sich diese Entwicklung durch eine auf einem niedrigen Stand verharrende Neubautätigkeit und einen Anstieg der Anzahl der Haushalte von über 9 % zwischen 2000 und 2009. Die Folge: Das Angebot wird knapper und die Preise steigen. Immobilienexperten beobachten zudem, dass zunehmend Leute mit Geld nach Berlin kommen wollen. Der Immobilienmarkt brummt; die Stadt verfügt über das größte Potential in ganz Deutschland.

Wie in jeder Stadt sind aber auch in Berlin große lokale Unterschiede auszumachen, Lage matters! Dies sind bezüglich Miet- und Wertsteigerungen die Trendviertel der Stadt:

1. Charlottenburg (Westen, zentral, ruhig, viele Altbauten)

2. Mitte (sehr zentral, viele Attraktionen, teilweise Szeneviertel)

3. Prenzlauer Berg (zentral, viele Altbauten, ehemals Alternativviertel des Ostens)

4. Kreuzberg (Szeneviertel, zentral, dicht besiedelt, traditionell Alternative und Ausländer)

5. Friedrichshain (zentral, viele Altbauten, ehemaliges Arbeiterviertel des Ostens)

Es folgen Schöneberg, Neukölln, Tiergarten, Wilmersdorf und Wedding auf den weiteren Rängen. Mein Stadtteil liegt auf Rang 35 von 80 und ich glaube, dass es ein Spätzünder sein wird welcher abheben wird, wenn die anderen ihr Pulver verschossen haben. Gute Nacht allerseits.

Quellen: Senatsverwaltung Berlin, Tagesspiegel, Handelsblatt, Stadt Zürich

Samstag, 25. Juni 2011

Stadtentwicklung in Kreuzberg

Seit Anfang Juni arbeite ich nun für einige Monate bei einem tollen Berliner Büro für Stadtentwicklung und -forschung. Vorbei ist das wundervolle Studentenleben! Und dementsprechend reduzieren sich natürlich auch die Möglichkeiten zum privaten Bloggen. Doch heute möchte ich die sich bietende Gelegenheit ergreifen und von einer konkreten Erfahrung aus meiner letzten Arbeitswoche berichten.

Eine meiner Kernaufgaben ist die Mitarbeit an einer Potentialanalyse (Fokus: Besucher / Touristen) für den Wrangelkiez im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Dieser Kiez befindet sich ganz in meiner Nähe und liegt im östlichen Kreuzberg. Sein Herz bildet das Schlesische Tor, welches in der nachfolgenden Karte oben links abgebildet ist. Von hier aus führt die bekannte Oberbaumbrücke über die Spree hinüber nach Friedrichshain. An seinem südlichen Ende grenzt der Kiez an den berüchtigten Görlitzer Park; im Osten verlief einige Jahrzehnte lang eine massive, unsägliche Mauer.


Durch seine Lage im unmittelbaren Mauergebiet stand der Wrangelkiez lange Zeit im stadtentwicklungspolitischen Abseits. Er lag zwar einerseits im kapitalistischen West-Berlin, jedoch andererseits direkt an der Grenze zu der realsozialistischen Bedrohungszone. Mit anderen Worten: Der Kiez war kein Raum für langfristige Investitionen und ambitionierte Wertschöpfungsstrategien.

Nicht zuletzt deshalb zogen v. a. Alternative und Ausländer (sprich: überwiegend türkische Gastarbeiter und deren Familien) in die zunehmend prekären Altbauten in Kreuzberg 36. Im Schatten der Mauer entwickelte sich ein lokalspezifisches Milieu und die bekannte 'Kreuzberger Mischung' aus Wohnen und kleinen Produktions- und Handwerksstätten sowie Kulturbetrieben. Kreuzberg 36 und damit der Wrangelkiez wurden auf diese Weise zu einem Ort alternativer sozial-politischer Strömungen und Gruppierungen; zum Beispiel die unheimlich gefährlichen und wahnsinnigen Punks.

Nun ist bekannt, dass die Mauer seit über 20 Jahren abgetragen ist. Das bedeutet: die Stadt hat eine sehr stark strukturgebende Komponente verloren - um nicht zu sagen: abgeschafft - und bot deshalb in diesen beiden vergangen Jahrzehnten Raum für massive Veränderungen. Auch die ehemalige 'Insel Wrangelkiez' - gestern im Niemandsland, heute zentral gelegen - verändert sich gerade in den letzten Jahren mit zunehmender Geschwindigkeit. Der Kiez ist heute hip! Zwar gibt es noch die Alteingesessenen, aber sie registrieren bei ihrem Spaziergang durch den Kiez heute zunehmend szenige Kneipen und Clubs (z. B. Watergate) sowie verdächtige Firmenanschriften (z. B. Beatport oder Native Instruments). Und sie begegnen dabei zu jeder Tages- und Nachtzeit Horden von Hipster-Touristen oder Leuten wie mir. Leute die zwar hier wohnen, dies aber a) erstens seit relativ kurzer Zeit tun und b) die erwähnten szenigen Kneipen besuchen und deren Existenz zumindest grundsätzlich begrüssen.


Der Wrangelkiez befindet sich demnach in einem Prozess der Gentrifizierung: ein Stadtteil erfährt eine sozioökonomische Umstrukturierung mit ökonomischer Aufwertung und im Zuge dessen werden Gruppen mit niedrigem Sozialstatus (also oftmals Arme, Alte und Ausländer, das Triple A) verdrängt. Denn dieser Prozess bedeutet ohne entsprechende Gegensteuer auch steigende Mieten - und Berlin ist eine Stadt mit vielen Mietern, die sich überdies vergleichsweise tiefe Mieten gewohnt sind; die Veränderungsmöglichkeiten 'nach oben' sind deshalb prozentual gesehen sehr hoch.

Dies also ist kurz gesprochen die Basis für unsere Studie. Und es war auch die Basis für eine Veranstaltung, die ich im Rahmen meiner Tätigkeit letzten Donnerstag besucht habe. Der Anlass hiess 'Kiez im Wandel' und es diskutierten u. a. der Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg sowie interessierte Anwohner. Doch an Diskussion war erstmal nicht zu denken: die ersten 40 Minuten des zweieinhalbstündigen Runden Tisches waren Ausdruck der 'Kreuzberger Mischung'. Kaum wollte nämlich einer der anwesenden politischen Vertreter etwas erläutern, fiel im sogleich jemand lautstark und beleidigend ins Wort: Alteingesessene, Hausbesetzer, whatever. Der grüne Bürgermeister erinnerte mich an den Helden einer griechischen Tragödie, und Teile des Publikum wollten seinen Untergang sehen - um jeden Preis.

Zuerst dachte ich: "Herr im Himmel, schenke diesen armen Leuten Gnade! Sie sind offensichtlich unfähig und gehören von ihrem Leid erlöst. Weise ihnen den Weg zur Vernunft. Dann können wir hier vielleicht irgendwann doch noch diskutieren." Doch irgendwann musste ich realisieren, dass diese Menschen eben gerade das zumindest teilweise ausmachen, was den Wrangelkiez im Grunde herrlich macht: Unangepasstheit, Kampf gegenüber den Mächtigen und deren Konventionen, radikales Anderssein, alternative Lebensentwürfe.

Mit der Zeit entstand dann doch eine halbwegs normale Gesprächskultur und es wurde heftig über steigende Mieten, Lärm und Lebenspläne gestritten. Wobei zu beobachten war, dass die Anwesenden gerade beim Thema der Mietproblematik eine annähernd identische Meinung vertraten, nämlich diejenige, welche in der Regel der politischen Linken zugesprochen werden kann. Vertreter von Investoren, welche die lokalen Liegenschaften kaufen, renovieren, aufsplittern und danach mit hoher Rendite wieder an zahlungskräftigere Leute verkaufen, waren jedenfalls keine auszumachen. Sie sind für die meisten Bewohner wahrscheinlich sowieso grundsätzlich unsichtbare und ungreifbare böse Geister, die weit weg in gläsernen Bürotürmen sitzen und dort versuchen, ihre Geschäfte in der Form von Fondsanteilen mit versprochener 10%-Rendite potentiellen Anlegern schmackhaft machen.

Ich war im Angesicht so hoher Komplexität erstmal dem geistigen Knockout nahe. Dann wurde mir aber abermals noch klarer, dass Stadtentwicklung nicht bloss von zentraler Hand geplante Entwicklung nach kapitalistischer Verwertungslogik heissen sollte. Zumindest nicht überall, denn Berlin würde unheimlich viel Qualität und auch Attraktivität (!) verlieren, wenn es all dies der Verdrängung preisgeben würde. Gleichzeitig steht die Stadt unter enormem finanziellen Druck und hat deswegen ganz offensichtlich Anreize, ihre Schuldenlöcher zu stopfen, was zumindest kurz- bis mittelfristig am besten dadurch gelingen dürfte, dass Liegenschaften an meistbietende internationale Investoren verkauft und der Tourismus nahezu uneingeschränkt gefördert wird.

Allgemeiner formuliert bin ich übrigens der Meinung, dass es von erheblichem Wert ist, zumindest ab und zu mit mit fremden und möglicherweise irritierenden Themen und Gedanken in Kontakt zu kommen. So wie beispielsweise an einer Veranstaltung mit Linksextremen oder von mir aus auch mit der SVP. Eine Tagung im Albisgüetli als Schule des Lebens oder Erweiterung des Horizonts - klingt verrückt, ich weiss. Aber im Kern geht es darum, die Positionen von unterschiedlichen sozialen und politischen Gruppen besser verstehen zu können.

Jedenfalls ist die Gemengelage für die Studie eine komplexe, genauso wie 'die Stadt' ein enorm komplexer Gegenstand ist, den radikal zu vereinfachen ganz gewiss grosse Risiken birgt. Wir werden sehen, welche möglichen Empfehlungen die Studie hervorbringen wird.

Samstag, 11. Juni 2011

Fremdgang



Ab sofort schreibe ich für befristete Zeit in englischer Sprache regelmässig (sprich: wahrscheinlich einmal pro Woche und meistens am Freitag) für das Place Management & Branding Blog des Urbanism-Büros IN:POLIS in Berlin. Den Auftakt macht ein Artikel zur Entwicklung von Zürich-West; ein Thema, welches an dieser Stelle bereits behandelt wurde.


Wenn es die Zeit erlaubt werden einige Artikel ebenfalls auf der CityPicture-Plattform meines Kommilitonen Jürgen Cyranek veröffentlicht werden. Check it out!

Samstag, 28. Mai 2011

Kritik einer Konferenz

Die letzten beiden Tagen war ich auf einer Konferenz in Berlin. Unter dem Namen 'Urban Futures 2050' ging es darum, die Zukunft der Städte neu zu denken und praktisches Handeln zu inspirieren. Veranstalterin war die Heinrich Böll Stiftung, und ich hatte mich durchaus auf zwei spannende Tage gefreut.


Leider kam alles ein wenig anders. Zwar waren sowohl die Lokalität als auch die Verpflegung und die Betreuung sehr professionell, die inhaltliche und methodische Organisation lösten bei mir jedoch eher Langeweile, Enttäuschung und Verwunderung denn Begeisterung aus. Weshalb? Bei einem Titel wie 'Urban Futures 2050' - besonders aufgrund der Berücksichtigung dieser Jahreszahl - hätte ich deutlich mehr Visionäres und Utopisches erwartet. Derartiges war jedoch, soviel ich mitgekriegt habe, nicht oder höchstes kaum zu hören.

Wo waren fähige Zukunftsforscher, welche veränderte Ansprüche an Städte des Jahres 2050 skizzierten? Wo waren Philosophen, die vielleicht auch den einen oder anderen spannenden Gedanken hätten machen können? Auch kein Architekt wagte oder durfte/sollte ein Szenario für die Baukultur in 40 Jahren entwickeln. Warum haben keine Ökonomen aus Think Tanks über mögliche Veränderungen im globalen Handel diskutiert? Und wo war der innovative Erfindergeist aus dem Bereich der Mobilität, der Energie oder der virtuellen Kommunikation (whatever, actually). Statt dessen hörte ich eigentlich ausschliesslich aktuelle Herausforderungen für die heutigen Städte. Man sprach von Einzelprojekten in irgendwelchen Städten, äusserte seinen Unmut über Autos (ein Kommunalpolitiker oder so aus Malmö etwa viermal: "I don't have a driving licence, I really hate cars, sorry!") und sagte offenherzig "Ja zur Energiewende!". Ein bisschen spannender hätte ich mir die Stadt 2050 schon vorgestellt.

Zudem war es auch nicht berauschend, dass eine Podiumsdiskussion von eineinhalb Stunden in der ersten Hälfte aus oftmals ziemlich langweiligen und nicht wirklich gut konzipierten Inputreferaten bestand; Referate, die teilweise gegen 25 Minuten dauerten - und das auf einem Diskussionspodium. Ich war zwar noch nie auf einer Konferenz, aber unter einer Podiumsdiskussion auf einer Konferenz mit dem Namen 'Urban Futures 2050' stelle ich mir etwas anderes vor als ermüdende und überzogene Referate zu erbrachten Projekten der Diskussionsteilnehmer. Leider war die jeweilige Moderation auch kaum je in der Lage, die Referenten vielleicht auch nur sanft in eine andere Richtung zu begleiten. Eine Ausnahme bildete dabei vielleicht eine meiner Geographieprofessorin an der HU Berlin, Ilse Helbrecht. Aber auch sie hatte zwei der Diskussionsteilnehmer leider irgendwie falsch verstanden und dachte, die beiden würden Gegenpositionen einnehmen, was sie meines Erachtens nicht taten. Egal.

Abgeschlossen wurde die Tagung durch ein Referat von Renate Künast, Vorsitzende der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / die Grünen. Sie will im September 2011 anscheinend Regierende Bürgermeisterin der Stadt Berlin werden. Ihre Vorstellung für das Berlin der Zukunft: eine Stadt für alle! Wählerfang, anyone? Herrlich.

Nun bereue ich den Besuch dieser Konferenz aus mindestens vier Gründen trotz oben genannter Probleme nicht: Erstens war es grundsätzlich interessant, einmal einer Konferenz beizuwohnen. Zweitens hatte ich erwartet, dass dort nur Halbgötter durch die Hallen wandeln und ich als unbedeutender Student ein möglicherweise läppisches Bild abgeben würde. Diese Erwartung wich der Erkenntnis, dass viele Leute nur mit Wasser kochen. Drittens hatten wir untereinander einiges zu diskutieren, was wesentlich spannender war als die meisten Beiträge. Und viertens: die Verpflegung war (bei 20 Euro Beitrag) wirklich ausgezeichnet.

Aber trotzdem: heute habe ich den Wirtschaftsteil der aktuellen Ausgabe der ZEIT gelesen. Dies dauerte ziemlich genau eine Stunde, und ich behaupte dabei mehr mitgenommen zu haben als in zwei Tagen 'Urban Futures 2050'. Zudem konnte ich dabei Fleet Foxes hören, was den Spielstand schon fast in ein entscheidendes 2:0 verwandelt. Mir gefällt aber immerhin sehr, dass zur Konferenz noch ein kostenloser Essayband erscheint. Der Band zu den "Szenarien und Lösungen für das Jahrhundert der Städte" (keine Garantie ob dieser Titel einhält was er verspricht oder doch eher einer Mogelpackung entspricht!) gibt es hier als PDF oder zum Bestellen als Print. Nächstes Mal gehe ich aber dann vielleicht doch eher auf die Marx-Konferenz, die ein paar Tage zuvor ebenfalls in Berlin an der HU stattfand. Ich glaube fast, dass man dort mehr über die Stadt 2050 hätte erfahren können. Kein Witz!

Dienstag, 26. April 2011

Farben des Frühlings

Während draussen ein heftiger Regenschauer die Berliner Luft reinigt, versuche ich für meine anstehende Masterarbeit die Software EndNote zu begreifen... Ein ausgesprochen unterhaltsames Unterfangen - sofern man der Streber unter den Nerds ist. Ich bin zwar nerdig, ja, aber bei weitem kein Anführer dieser Spezies. Deshalb lasse ich mich zwischendurch gerne von den Farben des Frühlings oder dem Genuss eines Stücks traditionellen Osterfladens ablenken:




Und damit die ganze Angelegenheit auf Dauer nicht zu langweilig wird, gönne ich mir zur Erheiterung ebenfalls den neusten Keep-It-Deep-Mix von Agent Schwiech. Pretty honest House and Techno...

P.S. Dieser Blogpost fällt nun wohl definitiv in die Kategorie "Sinnfrei von Gnaden". Aber wie gesagt, EndNote verträgt durchaus ein wenig Ablenkung. Ist heute Abend nicht noch Champions League? Verflucht ist es staubig hier, sollte unbedingt staubsaugen. Warte nur du erbärmliche Fliege wenn ich dich kriege. Und mein Magen knurrt schon wieder. Ach, schön. Schebegäil.

Samstag, 12. Februar 2011

Tempelhofer Park

Gestern hatte ich mein Examen in Russisch. Herrgott, lange war ich nicht mehr so gestresst von einer Klausur wie jetzt diese Woche. Zwei schlaflose (!) Nächte sind nicht normal. Umso mehr war die Zeit heute reif für einen erholsamen Spaziergang. Zum ersten Mal besuchten wir den sogenannten Tempelhofer Park. Auf dem Gelände des ehemaligen Berliner Flughafens lässt es sich wie in russischen Weiten wandeln:


Was später mit der riesigen, zentrumsnahen Fläche geschehen soll ist noch unklar. Wahrscheinlich wird ein großer Teil des Geländes ein Park bleiben. In den Randlagen könnten aber auch Innovationsparks entstehen oder "clean-tech"-Infrastrukturen und moderne Stadtwohnungen. Eine sehr schöne Idee ist diejenige eines Berges. "The Berg" soll ein Kilometer hoch werden und damit den Burj Khalifa in Dubai überragen. Ok.



Montag, 31. Januar 2011

Papageno

Letzte Woche musste ich im Italienisch-Kurs erläutern, was ich am Wochenende spannendes gemacht hätte. Da habe ich dann halt von meinem Sonntag im Berghain respektive der Panorama Bar erzählt. Als ich an dem Punkt der Erzählung ankam, wie ich um 13 Uhr am Sonntag Mittag den Sekt in die Höhe stemmte, musste die wunderbare Dozentin verständlicherweise umgehend nach ihrem katholischen Amulett greifen. Aber Berlin ist halt nicht Neapel, hier findet der Gottesdienst gewissermaßen in anderen Zeremonien statt. Aber Kirche ist Kirche, ob da nun ein Kreuz hängt oder ein DJ predigt. Wie dem auch sei.

Ich musste ihr und und den Studenten leider auch erklären, dass ich Space Dimension Controller verpasst hatte. Eigentlich war ich ja aufgrund dieses Aliens in die Panorama Bar geschlichen. Aber er, der aus der Zukunft kommt und mit seinem Electropod-UFO einen Unfall hatte und deshalb zurzeit auf der Erde weilt, kam Stunden zu spät aus Belfast an. Er legte dann nicht um 14 Uhr auf, sondern erst Sonntag Abend um 22 Uhr. Und natürlich war ich zu diesem Zeitpunkt seit einer guten Stunde nicht mehr dort. Aber ich schweife ab. Der Punkt ist: Es war schwierig, meiner Dozentin in Italienisch zu erklären, dass ich erst am Montag gemerkt hatte, dass ich Space Dimension Controller gar nicht gehört hätte. Bis ich nach Hause ging am Sonntag Abend dachte ich nämlich, der Typ spiele dort vorne sein Set. Zwar war ich von der Musikauswahl ziemlich enttäuscht, aber ich dachte - gutmütig wie ich bin, nicht wahr -, dass der junge Kerl einfach einen schlechten Tag erwischt hätte. Solcher Malheur widerfährt sogar Sprösslingen besten Hauses. Meine Lehrerin muss jedenfalls den Eindruck gewonnen haben, ich wäre ganz und gar nicht mehr zurechnungsfähig gewesen. So als ob sie selbst in ein Konzert gehen würde auf das sie lange gewartet hätte, dann aber nicht realisieren würde, dass eine andere Band spielt.

Langer Rede kurzer Sinn: Falls sie, also die italienische Dozentin, mich morgen wieder fragen sollte, was ich denn am Wochenende gemacht hätte, will ich vorbereitet sein. Deshalb war ich letztes Wochenende in Mozarts Zauberflöte; mit der Absicht, sie möge sich meiner erbarmen.

Die Deutsche Oper Berlin bespielt übrigens einen meines Erachtens prächtigen, von Fritz Bornemann konzipierten Bau aus der Nachkriegsmoderne. Da wir die Oper in der letztmöglichen Minute erreichten, war das Publikum schon im Saal und ich konnte hastig noch zwei architektonische Schnappschüsse vom Café und vom Foyer machen:



P.S. Der Sonntag wurde gekrönt durch einen himmlischen Hackbraten à la chérie. Mein erster Hackbraten ausserhalb des Rosengartens liebes Sünni! Papageno war in seinem Element:

Sonntag, 31. Oktober 2010

Terzo semestre

Inzwischen hat auch die Humboldt-Universität zu Berlin wieder den Studienbetrieb aufgenommen und ich studiere hier nun bereits im dritten Semester. Dieses Semester steht für mich insbesondere im Zeichen der Sprachen. Da ich in meinem Hauptfach Geographie kaum Veranstaltungen besuchen kann, studiere ich nun "hauptamtlich" Italienisch und Russisch. Ersteres lernte ich bereits früher in der Schule und repetiere es jetzt intensiv (6 Stunden pro Woche plus Hausaufgaben); das Ziel ist ein schönes Diplom zu Ende des Semesters. Russisch wiederum ist absolutes Neuland. Hier lerne ich zurzeit erstmals das kyrillische Alphabet vorwärts und rückwärts. Was soll man anderes machen wenn man die Buchstaben noch nicht kennt? Bei dieser Beschäftigung lerne ich solch herrliche Sachen wie die Tatsache, dass ein "B" als "W" ausgesprochen wird. Oder das "P" eigentlich "R" ist, wenn man genau hinschaut. Und "T" zwar wie im Deutschen ausgesprochen wird, jedoch in der Schreibschrift so geschrieben wird: "m"! Diese und andere Kuriositäten beschäftigen mich ebenfalls 4 Stunden pro Woche plus krampfhaftes Üben zu Hause.

In der Geographie werde ich in diesem Semester v. a. mit der Großsiedlung Gropiusstadt zu tun haben. Sie wurde ab den frühen 1960er Jahren im ehemaligen West-Berlin für 50´000 Einwohner gebaut und feiert bald ihren 50sten Geburtstag. Zu diesem Anlass untersuchen wir in kleineren, empirisch arbeitenden Projektteams verschiedene Aspekte und Themenbereiche im Zusammenhang mit dieser immens großsen Überbauung. Mein Thema wird möglicherweise ungefähr so lauten: Welchen Einfluss hat die spezifische Architektur auf die Nutzung der öffentlichen Räume in der Gropiusstadt?

Damit ich, jetzt wo die Tage wieder kürzer werden, genug Licht habe für diese universitären Vorhaben, habe ich mir nach Jahren der Dämmerung endlich eine richtige und ausserdem meines Erachtens überaus schöne Arbeitsleuchte gekauft. Es handelt sich um die englische Anglepoise Type75. Lovely, isn´t it?

Samstag, 7. August 2010

Trilogie des Tages

Der heutige Samstag in Berlin war nässlich-trübe; eine Tatsache, die mir ehrlicherweise ganz angenehm erschien. Schliesslich soll meine Aufmerksamkeit zurzeit zwei Studienprojekten gelten: der Abschlussarbeit unserer ermüdenden Exkursion in den Freistaat Sachsen und einer Hausarbeit über die aktuellen Muster sozialer Segregation in Berlin sowie der historischen Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte dieser Segregationstendenzen. Als Student gehört es jedoch zu den zu erwerbenden Grundkompetenzen, mit Wartezeiten, zum Beispiel auf geistige Regungen der Kommilitonen oder Dozenten, sinnvoll umgehen zu lernen. Diese Kompetenz habe ich mir, so wage ich zu behaupten, im Laufe der Jahre zur Meisterschaft angeeignet. Mir ist offen gesagt nie langweilig. Die Trilogie der Gegenstände, welche mich nun an eben diesem grauen Nachmittag erquickte, ist die Folgende:


Club-Mate ist ein Erfrischungsgetränk mit Extrakten aus der südamerikanischen Matepflanze. Fast zehn rückblickend verschwendete Monate musste ich in Deutschland leben, um dieses magische Gebräu schlussendlich im verfallenen Leipzig vorgesetzt zu bekommen. Eine Erbärmlichkeit! Dabei gibt es, wie die mir gänzlich unbekannte Medien WG trefflich formuliert, „ein paar Sachen, die bei der Gewöhnung an Club Mate immer wieder zu beobachten sind: Beim ersten Schluck guckt jeder erstmal so, als würde er grübeln, warum Dresden eigentlich Landeshauptstadt von Sachsen ist (…).“ Mit anderen Worten: Der erste Schluck irritiert selbst den weisesten Grübler. Die „Gewöhnungszeit liegt aber etwa bei der zweiten Flasche. Danach ist man abhängig von der Soße.“ Veredeln lässt sich die ‚Soße‘ ganz entschieden und empirisch geprüft mit klarem Wodka. Nur ist diese Veredelung etwas, was man meines Erachtens im Unterschied zu Gin Tonic, den zu geniessen schon mittags empfehlenswert sein kann, erst nachts im Club angebracht ist; beispielsweise wenn Wavves aus Kalifornien den Rhythmus vorgeben. Er passt dann, um es etwas vulgär aber dennoch präzise auszudrücken, ‚wie die Faust aufs Auge‘.

Noch besser schmeckt Club-Mate dann, wenn gleichzeitig Bethany Cosentino von Best Coast ihre sonnigen Songs zum Besten gibt. Ihr erstes, kürzlich erschienenes Album ‚Crazy For You‘ ist wahrscheinlich – noch knapp vor Wavves – die vorzüglichste musikalische Erfahrung, die ein geschmackvoller Erdenbürger in diesem Jahr machen kann. Schon das Berliner Konzert der Band aus Los Angeles war eine Offenbarung für ein einfältiges aber gegenüber kalifornischen Harmonien offenes Gemüt wie mich. Und das Album steht diesem Erlebnis in nichts nach: Schon beim ersten Hören will und kann man die Songs nach halber Spieldauer mit Inbrunst mitsingen! Ich muss deshalb unumwunden gestehen: Als die Scheibe von Best Coast nach meiner Exkursionsrückkehr aus Leipzig fein verpackt im Briefkasten lag, hat mir Bethany nichts weniger als das Leben gerettet. Übrigens ist es von bemerkenswerter Auffälligkeit, dass meine drei aktuellen Lieblingsbands – die Local Natives, Wavves und Best Coast – allesamt in Kalifornien wirken. Es lässt sich daraus leicht resümieren: West Coast is Best Coast!

Vervollständigt wird die samstägliche Trilogie durch eine Kreatur mit dem abscheußlichen Namen Garp…