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Sonntag, 29. April 2012

Dong Xuan Center


Vergangene Woche waren wir in Vietnam. Ja, das geht. Ziemlich easy sogar, mit der Tram in etwa 40 Minuten glaube ich. Vietnam liegt in Berlin-Lichtenberg und heißt hier Dong Xuan. Auf einem Teil des Areals des früheren VEB (Volkseigener Betrieb; Rechtsform in der DDR) Elektrokohle Lichtenberg befindet sich seit sechs Jahren ein vietnamesischer bzw. asiatischer Handelskomplex.




Der Markt befindet sich heute in Form von vielen einzelnen Geschäften in mehreren neuen, langgezogenen Zweckbauten. Die Läden führen unterschiedlichste Produkte niedriger bis niedrigster Qualität. Es gibt endlos viele Kleider, es gibt Schmuck, Taschen, Reisegepäck, Frisöre (Haarschnitt für Herren 6 Euro), Lebensmittel, Imbisse. Auch Plastikblumen:






Aber warum eigentlich Vietnam? 1980 schloss die DDR mit der Sozialistischen Republik Vietnam eine Vereinbarung ab, welche Vietnamesen die Möglichkeit eröffnete, als Vertragsarbeiter in der an einem Fachkräftemangel leidenden DDR zu arbeiten. In der Folge wuchs die Zahl an vietnamesischen Vertragsarbeitern in der DDR auf etwa 60'000 Personen. Das klingt für heutige Verhältnisse nach nicht besonders vielen Menschen, aber in der DDR war nur 1 % der erwerbstätigen Bevölkerung ausländischer Herkunft. Die Genossen aus Vietnam stellten dabei die mit Abstand größte Ausländergruppe dar.

Heute ist der relative Anteil der Vietnamesen bezogen auf die Gesamtzahl ausländischer Ethnien in Berlin deutlich gesunken. Kein Wunder also, dass aus Dong Xuan zunehmend, so scheint es zumindest, Dong Ali wird oder Mohammed Xuan von mir aus. Das Warenangebot betrifft das aber vermutlich nicht wesentlich.

Besonders interessant an Orten wie dem Dong Xuan Center sind meines Erachtens denn auch die Eingebundenheit dieser Räume in internationale, (spät) kapitalistische Warenketten. Wie kommen die Waren in die Regale in Berlin-Lichtenberg? Und auch: Wie sauber (politisch korrekter: formell/informell) sind die Geschäfte hier? In den Medien wurde jedenfalls auch schon von einem Zentrum der vietnamesischen Mafia und des Menschenhandels berichtet. Wandelt man durch die Hallen merkt man davon natürlich nichts - außer der bemerkenswerten Feststellung, dass die Autos bei den Hinterausgängen teilweise doch der gehobenen Preisklasse angehören. Aber das bedeutet natürlich nichts; ein Geschäftsmann im schwarzen Porsche Cayenne könnte etwa auch - ohne das der Kunde das bemerkt - zehn einzelne und unterschiedlich gestaltete Geschäfte im Center besitzen. Oder aber sein Kapital stammt aus dem illegalen Zigarettenhandel in der ganzen Stadt und wird hier zwischen Berliner Plattenbauten herrlich sauber gewaschen. You never know.

Wie dem auch sei: das DXC ist ein interessanter und spezieller Ort, der viele Fragen in den Raum stellt - an dem man aber auch ganz entspannt die köstliche vietnamesische Küche geniessen kann.



Mittwoch, 25. Januar 2012

City Chicken!


Eines meiner Lieblingsrestaurants in Berlin ist das City Chicken, ein arabisches und auf Hähnchen spezialisiertes Lokal. CC liegt an der Sonnenallee in Neukölln, seit ein paar Jahrzehnten die arabische Meile der deutschen Hauptstadt.

Die Spezialität des Hauses ist ein halbes Hähnchen mit Salat, Pommes, zweierlei Saucen (Hummus und Knoblauch) sowie Fladenbrot. Es ist fast nicht mit Würde zu beschreiben wie saftig das Poulet ist und wie köstlich die Beilagen schmecken. Mit einer Ausnahme: den Salat lasse ich, im Unterschied zu meinem Kumpel, in der Regel weg, womit sich der Preis von 5 auf 4,50 Euro reduziert. Ich bin gesundheitsbewusst, herrlich.


Der Genuss hört mitnichten beim Essen auf. Das CC ist zu jeder bisher von mir frequentierten Tages- und Nachtzeit gut bis bestens besucht. Und die Gäste spiegeln schon ziemlich schön den Stadtteil Neukölln wieder: Viele lebhafte, die arabische Sprache sprechende Immigranten und Secondos sowie zunehmend auch weniger laute, neue Neuköllner - also Studenten und dergleichen.


Ich fühle mich in Neukölln wohl. Hier ist: Großstadt, Realität, Welt. Auf der anderen Seite: wer bezahlt die Differenz zwischen den 4,50 Euro und dem wahren Preis? Ich vermute es sind in erster Linie die Hähnchen und die Umwelt. Irgendjemand bezahlt immer.

Freitag, 13. Januar 2012

Cityscapes: Paris


Auch nach diesem Blogpost mit Stadtanblicken von Paris komme ich wieder zum Schluss, dass ich zurzeit - Meinungen können sich, Gott sei Dank, immer wieder neuen Erkenntnissen anpassen - ein großer Verfechter der zeitgenössischen europäischen Geschäftsviertel bin. Mit Geschäftsviertel meine ich, was man im Englischen mit Central oder International Business District oder teilweise auch mit Edge City bezeichnen würde. Es sind dies also die ab den 1980er Jahren ausserhalb der historischen Zentren der Metropolen realisierten Geschäftsviertel mit Hochhausbebauung. Das Beispiel aus Paris ist die nachfolgend ab dem dritten Foto abgebildete "Défense", in London ist es "Canary Wharf", in Moskau die "City".

Einer von mehreren Gründen, weshalb ich diese seelenlosen Verkörperungen des globalen Kapitalismus mag, liegt darin, dass sie meiner bescheiden ausgereiften Meinung nach den ökonomischen Wohlstand erhöhen. Zu erläutern, weshalb das zumindest unter gewissen Perspektiven so sein mag, führt an dieser Stelle zu weit. Für einen Einblick lese man das empfehlenswerte und schnell lesbare Buch "The Gated City" von Ryan Avent vom Economist. Ich hab es für das iPad im Apple Store für 1 Euro gekauft... Das - genau wie einen Drink mit der richtig dosierten Mischung der einzelnen Zutaten - nennt man fair.







Die Fotos - aufgenommen von verschiedenen Fotografen - stammen von skyscrapercity.com.

Montag, 24. Oktober 2011

City of London


Die City of London ist ein seltsames Stück Land. Oft wird sie nur City genannt oder Square Mile, denn letzteres entspricht fast ihrer tatsächlichen Größe. Auf diesen umgerechnet etwas weniger als drei Quadratkilometer leben auch nur gut 11'000 Leute. Dementsprechend ruhig ist es in einzelnen Ecken der City am Wochenende auch. Unter der Woche sieht es allerdings anders aus.

Gemäß der  städtischen Behörde arbeiteten 2008 etwas über 300'000 Menschen in der City, wovon alleine 50'000 im Bankwesen beschäftigt waren. Um die Jahrtausendwende waren es sogar noch über 20'000 Banker mehr, die sind aber vermutlich in Horden nach Canary Wharf "strafversetzt" worden, wie es unser Gastgeber bei einer Investmentbank in der City wohl ausgedrückt hätte.

Die City konkurriert hinsichtlich ihrer räumlich extrem gebündelten Bedeutung als Knotenpunkt internationaler Finanzströme eigentlich nur mit der New Yorker Wall Street. So ist London beispielsweise der bedeutendste Handelsort der Erde für Devisen: 2007 wurde über ein Drittel aller weltweiten Devisenhandelsgeschäfte über London abgewickelt. Und heute habe ich in der S-Bahn im Economist gelesen, dass 70 % aller globalen Aktienhandelsgeschäfte über London, New York und Hong Kong laufen würden. Was wir hier sehen, ist das in meinem kürzlichen Blogpost über Canary Wharf angedeutete Phänomen der Global Cities, welche Kontroll- und Steuerungsfunktionen der Weltwirtschaft räumlich bündeln.

In den letzten Jahren entstanden im Einklang mit diesem Geschäftsmodell nun zunehmend und gegen den vermutlich erbitterten Widerstand von English Heritage eine Reihe mehr oder weniger spektakulärer Bürohochhäuser. Das bekannteste ist zweifellos die Gurke von Norman Foster, über den mein Chef kürzlich aus mir noch nicht bekannten Gründen geflucht hat. Auch wenn es niemanden interessieren dürfte, aber ich war und bin seit Beginn der Bauarbeiten begeistert von diesem Gebäude und empfehle deshalb auch den Film über die Entstehungsgeschichte der Londoner Ikone der 2000er Jahre.


In unmittelbarer Nähe (auf dem Foto unten sieht man die Gurke im Hintergrund) steht auch das für die Postmoderne symbolische Lloyds Gebäude vom zweiten Stararchitekten aus London, Richard Rogers.


In den nächsten Jahren werden insbesondere mit dem Pinnacle (288 Meter) und dem Walkie Talkie (160 Meter) noch weitere relativ bemerkenswerte Gebäude errichtet werden und der City damit endgültig ein CBD-Gesicht mit Einzelgebäuden aus unterschiedlichsten Architekturepochen verpassen - ein bemerkenswerter Unterschied beispielsweise zu den Retorten-Geschäftsvierteln wie Canary Wharf, die aufgrund ihrer in kurzer Zeit erfolgten Entwicklung zumindest heute noch eine meist ziemlich einheitliche Architektursprache sprechen. In der City ist das wie gesagt anders. Hier trifft Steinaltes (auf dem untersten Bild: St. Paul, Englands Heiligtum, so gesehen vom Dach des Einkaufszentrums One New Change) auf Futuristisches.




Drei Anmerkungen wollte ich noch machen, die indirekt viel mit der City zu tun haben und die ich für erwähnenswert halte insbesondere für Vergleiche mit meiner Wahlheimat Berlin.

1) In U-Bahnen fand ich auf zahlreichen Fahrten durch die Innenstadt Londons nur zirka zweimal einen Sitzplatz. Uhrzeit egal.
2) Geschätzt auf jeder zweiten Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sah ich mindestens ein iPad von Apple in meiner nahen Umgebung.
3) In London laufen sehr viele Leute in Anzügen durch die Stadt.

Berlin hat keine City - und zwar nicht erst seit gestern. Das Verhältnis, wie oft ich bei meinen Fahrten mit dem öffentlichen Verkehr einen Sitzplatz finde, ist hier etwa das Gegenteil: Auf zahlreichen Fahrten finde ich zweimal keinen Sitzplatz. Morgens auf dem Weg zur Arbeit stehe ich einmal im Monat. Die Tablets von Apple sehe ich so gut wie nie. Dasselbe gilt für Leute in Anzügen, sie sind eine seltene Spezies in den allermeisten Stadtteilen.

Insbesondere der iPad-Index dürfte relativ aussagekräftig sein hinsichtlich der ökonomischen Power und Bedeutung einer Stadt. Das Gerät ist ziemlich teuer, man braucht es nicht wirklich - aber es ist saugeil und zurzeit noch ein ziemlich begehrtes Statusobjekt. Deshalb ist es für mich irgendwie ein bisschen zum Symbol dieser London-Reise geworden.

Und im Übrigen gefällt mir die Entspanntheit Berlins ja im Grunde genommen ganz gut. Besonders das Platzangebot in öffentlichem Verkehr und auf Straßen ist mehr ein Segen als etwas anderes. Die Stadt mit ihren über drei Millionen Einwohnern wirkt nach London fast wie ein verschlafenes Dorf. Aber die Anzüge fehlen mir schon ein wenig. Klar, sie mögen für manche Symbol des verhassten Kapitalismus sein. Das ist mir in erster Linie jedoch erstmal nicht so wichtig. Zudem kann Entspanntheit leicht mit affiger Nachlässigkeit verwechselt werden. Ich begrüsse die Präsenz von Anzügen und Krawatten schon alleine aus ästhetischen Gründen. Viele Leute sehen darin einfach besser aus und die städtische Szenerie gewinnt durch talentierte Anzugträger ein mir willkommenes Mehr an Eleganz und Haltung. Das Problem ist bloss, dass mehr Anzugträger eine stärkere Wirtschaft bedeuten, was einen höheren Druck auf den Immobilienmarkt bedeutet, was in der Tendenz weniger Freiräume bedeutet, was weniger Clubs wie das About Blank oder die Renate bedeutet, was weniger Einzigartigkeit für Berlin bedeutet. But there is no such thing as a free lunch.


P.S. Am Samstag waren wir im Kino und haben uns Margin Call angesehen, den Film über die Tage vor dem Untergang der Investmentbank Lehman Brothers. Sehenswert! Der Equitiesfloor in der Investmentbank, welche wir vorletzte Woche in der Londoner City besuchten, war einiges schöner als der schmuddelige Floor der Brothers in Manhattan. Aber in beiden Fällen sitzen die BSD ja sowieso auf dem Bondfloor, nicht wahr, Herr Lewis?

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Stadterneuerung: Canary Wharf London


Letzte Woche war ich nach langer Zeit endlich wieder einmal für ein paar Tage in London. In nächster Zeit werden deshalb einige Artikel zu dieser nach wie vor außergewöhnlich faszinierenden Metropole erscheinen. Los geht es mit einem vergleichsweise ausführlichen Artikel zu einem bekannten Stadterneuerungsprojekt im Osten der Stadt: Canary Wharf. Heute einmal sehr strukturiert. P.S. Durchhalten, Fotos folgen weiter unten.

Der Aufstieg

Im Zuge der Kolonialisierung weiter Teile der Welt durch das Britische Empire und die beginnende Industrialisierung weitete sich der internationale Handel und mit ihm der Schiffsverkehr aus. Damit einher gingen steigende Ansprüche an die Hafenanlagen, und so kam es ab 1696 mit dem Bau der Greenland Docks zu einer Verschiebung der Hafenanlagen vom Zentrum Londons in tieferes Wasser nach Osten. Mit dem Bau des ersten Schleusenhafens - den West India Docks (1802) - begann sich das Gebiet zum neuen Hafen Londons zu entwickeln. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kamen weitere Docks hinzu und es siedelten sich zunehmend auch Zulieferbetriebe und Dienstleistungsanbieter verschiedenster Art an. Anfangs der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts waren sodann mehr als 20'000 Männer im Hafengebiet tätig und es entstanden neue Wohngebiete für die Arbeiter. Die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren noch bis Mitte des Jahrhunderts geprägt von florierendem Handel und zunehmendem Wohlstand.

Der Abstieg

Die neuen Entwicklungen in der Schifffahrt zwischen 1960 und 1970 bedeuteten das Ende des Hafens in seiner bisherigen Form: Als Folge des globalisierten Handels wurde der zeit- und kostenintensive Stückgutumschlag ab den 1960er Jahren weltweit durch die Containertechnologie und das viel größere Containerschiff ersetzt, was die Tragfähigkeit der Docklands zunehmend überforderte. Dieser Prozess endete 1980 in der Schließung der Docks, was wenig überraschend einschneidende ökonomische und soziale Veränderungen nach sich zog.

Die Top-Down-Regenartion

London zählte trotz des Niedergangs seines Hafens auch um 1980 zu den wichtigsten Global Cities der Welt. Dementsprechend waren viele wirtschaftliche Prozesse, die sich in einer Stadt wie London territorialisierten, von globaler Reichweite. Gleichzeitig trug der Globalisierungstrend der weltweiten Zerstreuung ökonomischer Aktivitäten gemäß der Koryphäe Saskia Sassen dazu bei, dass sich eine Nachfrage entwickelt hatte für neue Arten einer territorialen Zentralisierung hoher Management- und Kontrollfunktionen. Diese Rolle Londons als Global City - verstärkt durch den lokalen Mangel an Bürofläche (City of London) sowie staatlich geförderte Steuervergünstigungen für das Gebiet der Docklands (Thatcherism) - war daher eine wichtige Antriebskraft für die bauliche und von oben gesteuerte Regeneration der Docklands.

Die heutigen Docklands

Aus Docks für Industrie wurden Türme für Banken. Obwohl das Gebiet immer noch einer globalisierten Insel und einem von nationaler Identität gänzlich abgekoppelten Ort ähnlich ist, entstehen allem Anschein nach auch beträchtliche Auswirkungen auf die umliegenden, traditionell durch Arbeiterschichten geprägten Gebiete: War Canary Wharf - der anfänglich entwickelte Teil der Docklands - zuerst fast ein völliger räumlicher Fremdkörper, den zu erreichen erst eine Fahrt mit dem Taxi oder der Docklands Light Railway durch sozial schwaches Ost-Londoner Gebiet erforderte, werden dort gegenwärtig nun auch immer mehr Wohnhochhäuser (siehe Foto unten) gebaut und angrenzende Altbaugebiete werden gentrifiziert oder zumindest transformiert.



Noch ist das Gebiet aber nicht so weit verwurzelt, dass es von allen als attraktiv angesehen wird. Ein deutscher Investmentbanker, der in Canary Wharf gearbeitet hat und nun in der City sitzt, erwiderte uns gegenüber jedenfalls: „Wer will schon in Canary Wharf leben? Da kann ich genau so gut in Gelsenkirchen leben.“ Es sei zu weit weg vom kulturellen Leben der Stadt und dessen Dynamik. Zwar gibt es einige Restaurants und zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten für die geschätzten 90’000 Arbeitnehmer, aber es gibt in unmittelbarer Nähe trotzdem nicht die zahlreichen urbanen Annehmlichkeiten der gewachsenen oder von unten transformierten Stadt.


Die Symbolik

1) Die Türme entsprechen meines Erachtens physischen Machtmanifestationen einer in etlichen Belangen globalisierten und postnationalen Welt. Früher der Tempel, dann die Kirche, dann das Rathaus, dann die Fabrik oder der Bahnhof, heute der Wolkenkratzer der global operierenden Firma. Was kommt morgen? The Cloud? Oder vielleicht die Renaissance der Höhle?


2) Als Einheit gleicht besonders Canary Wharf Metropolis von Fritz Lang. Dieser Film von 1927 zeichnete schon in der Weimarer Republik das Bild der Stadt als Fabrik oder der städtischen Fabrik innerhalb der Stadt sowie des Verhältnisses zwischen unterschiedlichen Klassen. Die Docklands Light Railway führt die Arbeiter der globalen Stadt auf Trassen in das Innere der Maschine (siehe Foto unten). Das Individuum ist im wahrsten Sinne Humankapital für die kapitalistische Maschine, welche den Weltmotor am Laufen hält. Wenig verwunderlich, dass der oben genannte Investmentbanker von einer „möglichst effizienten Arbeitsumgebung“ gesprochen hat. Die Umgebung (Struktur, Ausstattung etc.) soll die Leistung der Einzelkomponenten optimieren.


3) Ein Gebiet wie Canary Wharf verdeutlicht die Existenz von Global Cities par excellence. Die alte europäische Stadt wurde zu klein, der Wachstumsdruck im Kampf um globale Steuerungs- und Kontrollfunktionen und damit um Profite - auf jede Transaktion kann potentiell eine Gebühr erhoben werden - zwang zu Expansion, die Expansion manifestiert sich räumlich im Bau von ausgelagerten Orten postnationaler Ästhetik. Fast identische Entwicklungen weisen auch Paris (La Défense) und Moskau (City, siehe hier auch mein Blogpost dazu) aus, die beiden weiteren wirtschaftlich besonders relevanten Großstädte Europas.

Montag, 26. September 2011

Schillerkiez im Wandel


Vor wenigen Wochen tranken wir auf unserer "Tour de Berlin" ausgezeichneten Kaffee in Schöneberg. Gestern wollten wir in Erfahrung bringen, was man im Neuköllner Schillerkiez an Gaumenfreuden finden kann. Die Antwort vorne weg: Federweisser. Dass dies allerdings so ist, sagt uns einiges über die Entwicklung dieses Kiezes. Doch der Reihe nach.

Um 1900 entstand der Schillerkiez mit der zentralen Schillerpromenade als prestigeträchtige Wohnlage für Einwohner Neuköllns, damals meines Wissens noch Rixdorf genannt. Während einigen Jahrzehnten schien das Gebiet zu prosperieren. In den 1920er Jahren nahm direkt neben dem Quartier der Flughafen Tempelhof seinen Betrieb auf. Mit Zunahme des Verkehrs wurde der Schillerkiez nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend zu einem "Problemviertel" - wie die meisten zentralen Gegenden des Bezirks Neukölln. Erheblicher Fluglärm sorgte für eine Abwertung der Liegenschaften, Besserverdienende zogen weg, Immigranten und benachteiligte Bevölkerungsschichten rückten nach. Die Folge: Der Schillerkiez wurde vom Kapital gemieden; die Spuren davon sieht man noch heute an vielen Stellen.


Ende 2008 schloss der Flughafen. 2010 öffnete auf dem Gelände die Tempelhofer Freiheit. Spätestens wenn man an einem prächtigen Herbsttag 2011 in westlicher Richtung die Herrfurthstrasse entlang geht und sich am Horizont die Weite des Feldes ankündigt realisiert man, dass ein Immobilienentwickler in so einem Moment ein Gefühl einer religiösen Erleuchtung haben muss: der vernachlässigte Kiez ist eine Goldgrube! Keine Mauer mehr, keine Flugzeuge mehr, stattdessen der neue "Central Park"Berlins (Berliner Tageszeitung) vor der Haustüre. Und dazu ein relativ nahes Stadtzentrum, wilhelminische Bausubstanz, eine gesunde Nähe (lies: günstige Anbindung) zum neuen Flughafen BER in Schönefeld und - zumindest bis vor sehr kurzer Zeit - vielversprechend tiefe Mieten.


Das ehemalige Flugfeld, so gesehen vom Eingang an der Herrfurthstrasse, gleicht heute einem grenzenlos überdimensionierten Spiel- und Experimentierplatz. Sport, Spiel, Barbecue, Gärten und die Möglichkeit zum offenen Denken und freien Träumen. Die aus verschiedenen Schichten und Herkunftsländern stammenden urbanen Gärtner sind dabei ein schönes Beispiel dafür, was in der heutigen Zeit passieren kann, wenn man eine freie Fläche quasi durch die städtische Bevölkerung selbst entwickeln lässt. Stichworte, die ich an dieser Stelle ins Spiel bringen kann sind etwa "partizipative Planung" und "Lernen und Zulassen von Informalität". Und obwohl ich kein Planer bin würde ich - gerade auch im Angesicht des Tempelhofer Feldes - spontan dazu tendieren, eine Raumplanung mit klaren Rahmenbedingungen und der Möglichkeit zu inhaltlicher Kreativität und "bürgerlicher Beteiligung" zu unterstützen. Wo früher Flugzeuge starteten, wachsen heute jedenfalls selbst gepflanzte Gemüse und Blumen.


Was bei so einer Entwicklung aber auch wächst ist die Sorge nach Gentrifizierung. Ich selbst betrachte Gentrifizierung bis zu einem gewissen Grad zunächst einmal als neutral. Wie will man anders - als Schweizer? In den Medien und in der gegenwärtigen Volksmeinung ist die Gentrifizierung jedoch des Teufels. Wobei man auch hier präzisieren müsste: Viele der vermeintlich unmittelbar Betroffenen kennen das Phänomen womöglich gar nicht. Stimmung gemacht wird eher von Seiten (gut) ausgebildeter, junger Stadtbewohner als von der türkischen Familie in der günstigen Wohnung im Schillerkiez.

Wir machten uns jedenfalls auf die Suche nach physischen Indikatoren einer möglichen Gentrifizierung und wurden wenig überraschend auch schnell fündig: bei einem Glas Federweisser im Engels! Der transnationale Kreative, Mitglied der vierten sozialen Klasse im Schillerkiez nach dem preussischen Bürger, dem deutschen Arbeiter und dem türkischen Immigrant, kann hier standesgemäss bis in den Nachmittag hinein frühstücken. Oder eben wie wir, selbst alles andere als frei von Schuld, ein Gläschen Federweisser trinken und dabei auf den türkischen Kiosk oder die Alt-Berliner Kneipe hinüber schauen.



Im Schillerkiez existieren zurzeit drei soziale Parallelwelten. Schade nur, dass dies in der langen Frist kaum noch so sein wird. Und ebenso schade, dass man bereits heute deutlich erahnen kann, welche Parallelwelten verschwinden werden. Das Leben ist ein Spiel, mit vorbestimmtem Resultat. Oder doch nicht? Vielleicht sollte die Rolle eines Stadtgeographen darin bestehen, in diesem Entwicklungsprozess für gesellschaftlich positive Überraschungen zu sorgen.

Mittwoch, 21. September 2011

Wahlen in Berlin: Kapitalismus


Nicht lange ist es her, da habe ich von den Wahlen in Berlin berichtet. Jetzt sind die Resultate da und ich möchte nochmals auf das Thema zurückkommen, jedoch in möglicherweise etwas abwegiger Art und Weise. Doch der Reihe nach.

Die drei interessantesten Resultate sind:
  • Wowereit bleibt Bürgermeister (bald wohl: "reich, aber immer noch sexy")
  • die Piraten holen in der deutschen Hauptstadt 9% der Stimmen und haben anscheinend zu wenig Personal um diese 9% zu besetzen
  • die unsägliche NPD holt mit 2,1% mehr Stimmen als die FDP mit 1,8%
Das ist Berlin. Und das soll man noch verstehen, Herr Wowereit?


Wie dem auch sei, ich habe sowieso wenig Ahnung von Berliner Politik und halte es hier und auch sonst gerne mit Sokrates. Trotzdem möchte ich jetzt mal noch einen Giftpfeil abfeuern, schliesslich musste der Weise 399 vor Christus auch zum Giftbecher greifen, was mich noch heute empört (P.S. Kriegen die Griechen heute die späte Strafe? / P.P.S. Hessel sagt ich soll mich empören, also keine Klagen!).

Heute morgen auf dem Weg zur Arbeit habe ich nämlich festgestellt, dass die Wahlplakate immer noch überall hängen - dies obwohl die Wahlen bekanntlich seit Sonntag erledigt sind. Dies festzustellen ist zugegebenermassen kein Ding von Schwierigkeit, hängen sie doch wirklich überall. Was aber sagt uns das?

Es gibt bekanntlich die Methode "Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren". Diese Methode hört man in diesen Zeiten, meines Erachtens, besonders regelmässig aus dem linken Lager und gegen Banken gerichtet. Zurzeit manifestiert sie sich jedoch auch auf den Strassen Berlins: Wahlplakate werden, mit dem Ziel Gewinn zu privatisieren (ergo: politische Macht für die eigene Person oder Partei zu erlangen) in grossem Umfang von privaten Akteuren im öffentlichen Raum angebracht. Die Wahlplakate haben zu diesem Zeitpunkt einen potentiellen Wert für die darauf angepriesenen Akteure, ein Wert, der denjenigen des Materiellen (ergo: Pappe etc.) potentiell deutlich übersteigt. Mit dem Zeitpunkt der Wahl und deren Abschluss verlieren die Wahlplakate augenblicklich den überwiegenden Teil ihres Wertes, sie sind nunmehr praktisch wertlos. Was ist somit zu erwarten? Sie bleiben hängen. Die Gewinne sind nunmehr privatisiert, der Verlust - oder präziser: das Wertlose (das reicht in diesem Fall schon aus) - wird sozialisiert; die kommunale Berliner Stadtreinigung kann die Entsorgung der Plakate in Angriff nehmen.


Gemessen an den noch hängenden Plakaten lässt sich kein Unterschied zwischen den politischen Lagern ausmachen. Ich sehe keine Mitglieder der Grünen, die die Verluste vor der Sozialisierung bewahren. Aber was nicht ist, kann bekanntlich noch werden. Ich glaube daran.

Sonntag, 17. Juli 2011

Soziale Segregation in Berlin - Neukölln

Gestern war ich - wie das ab und zu der Fall ist - auf einer der wunderbaren elektronischen Berliner Openair-Parties. Die kleine aber feine Feierei fand versteckt in einem gewerblich-industriellen Hinterhof in Neukölln statt. Und wie ich auf dem Rad durch Neukölln fuhr und mit meinem Kumpel im arabischen City Chicken Restaurant ein halbes Hähnchen verdrückte und dabei Rai aus den Autos dröhnte, musste ich abermals über diese Stadt und den Stadtteil Neukölln staunen. Ich nehme dieses Staunen zum Anlass, in wahrscheinlich zwei Beiträgen etwas über die Stadtentwicklung in Neukölln zu schreiben. Den ersten Teil bildet die historische Entwicklung Berlins - mit Blick auf die Sozialstruktur und auf Neukölln, klar.

Im Studium wollte ich einmal der möglicherweise trivialen Frage nachgehen, inwiefern sich soziale Strukturen von heute durch die historisch-bauliche (und damit hintergründig natürlich auch politisch gestaltete) Stadtentwicklung 'erklären' lassen. Die Frage ist also: Kann ich aufgrund der Stadtentwicklung einfach nachvollziehen, weshalb Neukölln in der letzten Vergangenheit ein sozial so unglaublich schlecht gestellter und sozial segregierter Stadtteil wurde? Ich zeige nun zur ansatzweisen und vereinfachenden Beantwortung dieser Frage einige von mir in dilettantischer Art und Weise angefertigte Skizzen und ergänze diese durch begleitende Worte.

Wir beginnen im Mittelalter. Damals war Berlin klein, kompakt und fürs Mittelalter typisch in sich 'geschlossen'. Die Karte markiert diese Stadt als MA. Mit dem Aufstieg Berlins zur preussischen Stadt musste die Stadtstruktur geöffnet und erweitert werden. Dem Zeitalter entsprechend plante und realisierte der Hof eine barocke Residenzstadt (17. Jh), in der Karte als R gekennzeichnet. Damit, und insbesondere dann auch im 18. Jahrhundert mit Friedrich "dem Großen" und seiner Vorliebe für Potsdam (Karte: P) und Schloss "Sanssouci", entstand eine Berliner Westorientierung: Die Macht lag auf der Achse Zentrum - Westen.


In der Industrialisierung explodierte die Stadt bezüglich Einwohnerzahl usw.. James Hobrecht wurde mit der Planung der räumlichen und sozialen Stadtentwicklung beauftragt, was in der Entstehung der Berliner "Mietskasernenstadt" resultierte. So wurde um das vorindustrielle Zentrum herum der sogenannte "Wilhelminische Gürtel" gebaut; ein Ring von hoch verdichteten, kompakten Stadtvierteln: im von Großindustrie (GI), Industrie (I) oder Manufakturen (M) geprägten Norden, Osten und Südosten vor allem für die Arbeiterklasse und tendenziell mit Kleinwohnungen (KW); im vormals aristokratisch geprägten Süden, Westen und insbesondere Südwesten für das aufstrebende Bürgertum mit Großwohnungen (GW). Dazu kamen ausserhalb dieses Rings die großbürgerlichen Villenviertel (V), die wiederum keinem Ringschema mehr folgten, sondern an günstigen Lagen entwickelt wurden – vor allem wiederum im Südwesten, zwischen Berlin und Potsdam.


Diese Entwicklungsstufe bildete gewissermaßen die Basis. Im weiteren Verlauf der Geschichte kamen, da der zentrale Raum nun bebaut war, zunehmend Überprägungen dieser Basis und punktuelle Auflockerungen hinzu. Die strukturell wichtigsten waren einerseits die modernen Großwohnsiedlungen am Stadtrand und andererseits die Berliner Mauer.

Erstere (z.B. Gropiusstadt, Märkisches Viertel und Marzahn; in der folgenden Skizze ausserhalb des innerstädtischen Kreises/Rings liegend) waren in der Zeit ihrer Entstehung beliebte Wohnorte: nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele zentralere Häuser zerstört, beschädigt und/oder in der Folge aus v. a. ideellen Gründen massiv vernachlässigt worden. Dazu boten die neuen Wohnungen (am Stadtrand) mit Heizung etc. deutlich mehr Wohnkomfort und sie entsprachen ferner einem nicht zuletzt politisch motivierten Idealbild vom Wohnen am Stadtrand.

Die Mauer (Skizze: Mauerverlauf durch 'X' gekennzeichnet) wiederum als Grenze zwischen zwei miteinander konkurrierenden Gesellschaftssystemen bildete eine gewaltige Schneise quer durch die Stadt. In ihrer Umgebung schienen Investitionen und dergleichen aufgrund des nahen 'Feindes' vollkommen sinnlos. Ehemals zentrale Lagen wurden so plötzlich sehr peripher - nahe an der Grenze zu einer anderen, potentiell bedrohlichen Welt.

Was geschah also? Wer es sich leisten konnte oder in einer nun aufgrund der Mauer abgewerteten Gegend lebte zog in beiden Stadtteilen (!) oftmals in die neuen, für mehrere 10'000 Menschen gebauten Großwohnsiedlungen. Im Westteil wurden die innenstadt- und mauernahen Gebiete derweil zunehmend durch Arme, Alte und v. a. Ausländer - z. B. türkische 'Gastarbeiter' - bewohnt. Im Osten dagegen waren die räumlich gleich zu charakterisierenden Gebiete keine Ausländerquartiere, denn in der DDR gab es keinen Zustrom von Ausländern. Die innenstadt- und mauernahen Gebiete waren mit Ausnahme vom politischen Zentrum in Mitte vielmehr Gebiete für Alternative - die dem realsozialistischen System und seinen Umwälzungen hin zu den normierten Wohnungen am Stadtrand eher kritisch gegenüber standen - sowie für Menschen, die vielleicht gerne in eine neue Wohnung gezogen wären, diese aber aufgrund der staatlich gesteuerten Vergabe nicht erhielten. Zusammengefasst gab es nun aufgrund dieser städtebaulichen Veränderungen der Großwohnsiedlungen und der Mauer erhebliche Wanderungsströme: (untere) Arbeitermittelklasse geht raus, Arme und Alternative bleiben, Ausländer im Westteil kommen rein. Und so sah dann dementsprechend die mittlerweile kompliziertere Berliner Welt aus:


Nun kommen wir, ich verspreche es, zum Abschluss. Ich selbst würde nun aufgrund der oben genannten Ausführungen erwarten, dass, sagen wir 10-20 Jahre nach dem Mauerfall, insbesondere die Gebiete sozial am schlechtesten gestellt sind, die a) innerstädtisch im Westen nahe am ehemaligen Verlauf Mauer liegen und b) zu den ehemals nicht-aristokratischen und nicht-bürgerlichen Gebieten gehören. Dies wären dann die Stadtteile Wedding, Kreuzberg und Neukölln.

Schaut man sich die nachfolgende Karte des Berliner Sozialindex 2008 an, sieht man genau diese Stadtteile als dunkelrot gekennzeichnet; innerstädtisch ist sie soziale Lage tatsächlich dort besonders bedenklich, wo in der Skizze oben die KW-Gebiete links (also westlich) der Mauer liegen.

Wir sehen allerdings auch, dass nicht nur Neukölln - und Teile Kreuzbergs sowie der Wedding - tief dunkelrot gefärbt sind. Rote Farbe konzentriert sich auch am westlichen (Spandau) und östlichen Stadtrand (Marzahn). Dies wiederum ist meines Erachtens eine Folge der Jahre seit dem Mauerfall. Auf die unmittelbare Gegenwart und die Zukunft sowohl von Berlin als auch im Besonderen Neukölln komme ich dann jedoch in der Fortsetzung dieses Beitrags zu sprechen. Ich werde darin einerseits die Prognose aufstellen, dass Berlin zunehmend Paris ähnlich sein wird. Andererseits werde ich erklären, weshalb sich Neukölln meiner Meinung nach heute (2011) als Gebiet für Immobilieninvestitionen auszeichnet. Beides ist u. a. auf zeitgenössische Tendenzen im Städtebau zurückzuführen. Und die Tatsache, dass ich in Neukölln auf Openair-Parties gehen kann ist auch ein Indikator.

Montag, 4. Juli 2011

Mieten in Berlin

Anschliessend an meine Ausführungen zur Stadtentwicklung in Kreuzberg möchte ich heute einige Worte zu den Mieten in Berlin verlieren. Kürzlich wurde der Mietspiegel 2011 publiziert, worauf ich in diesem Post eingehen will. Nachfolgend deshalb einige Daten und Entwicklungen.

Berlin ist im Vergleich zu Köln, Hamburg, Frankfurt und München deutlich günstiger. Der Medianpreis für Mieten beträgt 6,38 Euro/qm (netto, kalt). Dies entspricht 53 % des Münchner Mietpreises, 61 % des Mietpreises in Frankfurt, 69 % des Hamburger und 75 % des Kölner Mietpreisniveaus. Der Mittelwert wiederum liegt bei 5,21 Euro/qm (netto, kalt).

Gesamthaft erstreckt sich der städtische Wohnungsmarkt von einem Einsteigepreis von unter 4 Euro/qm für einfache Wohnungen in eher schlechten Lagen bis zu 10 Euro/qm. In dieser Bandbreite liegt der Berliner Wohnungsmarkt wesentlich unter den oben erwähnten deutschen Vergleichsstädten. Auf der nachfolgenden Grafik kennzeichnet rot gute Wohnlagen, orange mittlere Wohnlagen und gelb einfache Wohnlagen:

Betrachtet man die Entwicklung über die letzten zehn Jahre, erkennt man eine annährend linear verlaufende Teuerung der durchschnittlichen Mieten.

Für das letzte Jahr galt ein Preisanstieg von durchschnittlich 4 %. Betrachtet man den Mietpreis von 4 Euro/qm für das Jahr 1999 als Grundlage, so liegen die Mieten heute - also 12 Jahre später - zirka 30 % höher. Zum Vergleich: Der Mietpreisindex der Stadt Zürich stieg im Zeitraum 2000 bis 2011 - also in elf Jahren - um 18 %. Schaut man genauer hin, so zeigen sich beträchtliche lokale und funktionale Unterschiede. So stiegen die Mieten in den guten Wohnlagen letztes Jahr um fast 11 % an. Besonders stark stiegen zudem die Mieten für Altbauten an, welche sich vornehmlich innerhalb des S-Bahn-Rings befinden:

Die Leerstandsquote in Berlin hat sich in der Zeit zwischen 2001 und 2010 auf 3 % halbiert. Zum Vergleich einige Städte in der Schweiz: Zürich 0, 07 %, Lausanne 0,2 %, Genf 0,25 %, Bern 0,45 %, Basel 0,8 %. Begründen lässt sich diese Entwicklung durch eine auf einem niedrigen Stand verharrende Neubautätigkeit und einen Anstieg der Anzahl der Haushalte von über 9 % zwischen 2000 und 2009. Die Folge: Das Angebot wird knapper und die Preise steigen. Immobilienexperten beobachten zudem, dass zunehmend Leute mit Geld nach Berlin kommen wollen. Der Immobilienmarkt brummt; die Stadt verfügt über das größte Potential in ganz Deutschland.

Wie in jeder Stadt sind aber auch in Berlin große lokale Unterschiede auszumachen, Lage matters! Dies sind bezüglich Miet- und Wertsteigerungen die Trendviertel der Stadt:

1. Charlottenburg (Westen, zentral, ruhig, viele Altbauten)

2. Mitte (sehr zentral, viele Attraktionen, teilweise Szeneviertel)

3. Prenzlauer Berg (zentral, viele Altbauten, ehemals Alternativviertel des Ostens)

4. Kreuzberg (Szeneviertel, zentral, dicht besiedelt, traditionell Alternative und Ausländer)

5. Friedrichshain (zentral, viele Altbauten, ehemaliges Arbeiterviertel des Ostens)

Es folgen Schöneberg, Neukölln, Tiergarten, Wilmersdorf und Wedding auf den weiteren Rängen. Mein Stadtteil liegt auf Rang 35 von 80 und ich glaube, dass es ein Spätzünder sein wird welcher abheben wird, wenn die anderen ihr Pulver verschossen haben. Gute Nacht allerseits.

Quellen: Senatsverwaltung Berlin, Tagesspiegel, Handelsblatt, Stadt Zürich

Montag, 23. Mai 2011

Ambitionierte Business Angels

Neulich traf ich mich mit einer Runde hochkarätiger Business Angels zum stilvollen Dinieren im Berner Tramdepot. Bei köstlichem Cordon Bleu und raffiniertem Hanfbier aus der hauseigenen Brauerei des Tramdepots analysierten und diskutierten wir in lockerer Atmosphäre vielversprechende Start-Up-Chancen. Am selbigen Abend organisierten wir spontan auch ein Angel Network, um sowohl unsere Research als auch das jeweils individuell verfügbare Venture Capital in Zukunft effizienter steuern zu können. Wir verstehen uns als Förderer einer ökonomisch nachhaltigen Gesellschaft und sind immer auf der Suche nach reizvollen Investment Opportunities.

Haben wir Ihr Interesse geweckt? Wenn Sie mit uns zusammen arbeiten wollen wenden Sie sich tunlichst an die BP Venture Capital Partnership Niederlassung ihrer Stadt. Sie finden unsere Räumlichkeiten üblicherweise im höchsten Gebäude der Stadt, Symbol unserer hochfliegenden Ambitionen.





Freitag, 25. März 2011

Stadterneuerung: International Business Center Mockba

Einige wenige Kilometer westlich des historischen Zentrums der Stadt entsteht auf einem brach gefallenen Gelände das International Business Center von Moskau.

Bezüglich dieser Lage lässt sich die Moskauer City mit der Pariser Défense und Canary Wharf in London vergleichen: Alle drei Stadtteile liegen, jeweils etwas ausserhalb der historischen Stadtkerne dieser europäisch gewachsenen Städte, auf ehemaligen Industrie- und Gewerbeflächen. Das Geschäftsviertel der französischen Global City wurde jedoch bereits ab den 1960er Jahren gebaut, jenes in London ab den 1980er Jahren. Weitere 20 Jahre später folgt nun also die russische Megacity. Man erkennt unschwer, wohin die Entwicklung Russlands führen soll.


Die Architektur der Gebäude ist in den meisten Fällen zeitgemäss und wie im Foto oben ersichtlich sehr auf die Verwendung von Glas fokussiert. Globalisierte Turbokapitalismus-Architektur. Einige der Hochhäuser, wie beispielsweise der Naberezhnaya Tower (oben rechts) von ENKA Architekten aus Istanbul wirken meines Erachtens zwar wenig spektakulär, jedoch erfreulich elegant. Ich mag das. Der Imperia Tower (NBBJ Architekten) wiederum, welcher oben im Bild links zu sehen ist (das Gebäude mit elliptischen Formelementen), gefällt mir mit jeder Betrachtung weniger gut. Und Capital City, das merkwürdige, verschachtelte Duo in der Bildmitte (ebenfalls NBBJ Architekten), verstört mich irgendwie auch. Zuerst fand ich das mit gut 300 Metern zurzeit höchste Gebäude Europas spannend, weil neuartig. Aber nachdem dieser Effekt langsam verflogen ist, bleibt in erster Linie der Eindruck einer gewissen Lächerlichkeit. Zudem müsste sich mein Verstand noch an diese Form gewöhnen, denn im Moment wirken die beiden Türme auf mich so, als drohten sie einzustürzen.


Neben der Büronutzung - bekannte Firmen, die vor Ort präsent sind, sind u. a. IBM, Oracle, Citibank, KPMG, Toshiba, E.ON - sind auch Wohnungen, Hotels und verschiedene kommerzielle Nutzungen vorgesehen. Insbesondere bezüglich der Wohnungen unterscheidet sich die City meines Wissens relativ deutlich von den beiden älteren Stadterneuerungsprojekten in Paris und London - zumindest was deren Anfangsausstattung betrifft. Die Nutzungsmischung ist städtebaulich deutlich populärer als vor einigen Jahrzehnten. Und ich kann mir gut vorstellen, dass viele 'new Russians' gerne eine Wohnung oder ein Penthouse in der City erwerben wollen.

Leider ist mir nicht bekannt, inwiefern die Finanzkrise der letzten Jahre die Nachfrage nach Wohnungen in der Moskauer City beeinflusst hat. Ich vermute aber, dass der Effekt erheblich war und immer noch ist. Einige der Projekte wurden jedenfalls entweder unterbrochen - man sieht Baugruben und halbfertige Gebäude - oder aber sogar storniert. So zum Beispiel auch der Russia Tower, welcher mit über 600 Metern Höhe das zweithöchste Gebäude der Welt gewesen wäre.

Verkehrstechnisch wird der Distrikt insbesondere durch zwei neue Metrostationen sowie eine unmittelbar neben dem Komplex gelegene Anbindung an die Moskauer Stadtautobahn erschlossen.

Auch wenn mich die Architektur in etlichen Fällen nicht besonders zu überzeugen vermag, finde ich das Projekt als Ganzes doch sehr eindrücklich. Dies u. a. deshalb, weil hier wird mit hoher Geschwindigkeit - die Effekte der Finanzkrise einmal ausgenommen - der Anspruch Moskaus als eine der politisch und wirtschaftlich führenden Städte der Welt städtebaulich und symbolisch realisiert wird.



Die beiden letzten Fotos - aufgenommen von verschiedenen Fotografen - stammen von skyscprapercity.com.