Freitag, 5. August 2011

Cityscapes: Mumbai






Die Fotos - aufgenommen von verschiedenen Fotografen - stammen von skyscrapercity.com.

Mittwoch, 3. August 2011

Wo der Student König ist

Letztes Wochenende war ich, wie ich schon geschrieben habe, in Kopenhagen. Nicht das es in Berlin langweilig wäre, aber regelmässige Abstecher in die dänische Hauptstadt sind einfach nichtsdestotrotz immer eine Wohltat für das Gemüt.

Gleiches gilt im Konkreten für das Tietgen Studentenwohnheim im Stadtteil Örestad. Ich habe darüber schon vor über einem Jahr an dieser Stelle berichtet. Nun hatte ich aufgrund meiner wertvollen und hart erarbeiteten Connections zum deutschen Abassadoren in Dänemark - bekannt und beliebt unter dem Namen Eric Wølf - die Gelegenheit, dass Dormitory noch genauer unter die Lupe nehmen zu können; seine Schlüssel öffnen einfach alle Tore, es ist fabelhaft.

Die dänischen Architekten Lundgaard (selten schöner Name!) und Tranberg schreiben über ihr mehrfach preisgekröntes Meisterwerk, dass die runde Form ein Symbol für "equality and the communal" ist. Sehr skandinavisch - und rührend irgendwie, wie sich diese Architekten immer so viel Symbolik ausdenken. Sie könnten auch sagen es ist rund wie das untere Ende einer Bierflasche. Das wäre auch eine prächtige Symbolik. Egal. Mit Blick auf den Innenhof sieht das so aus:


Das Dorm verfügt über 360 Zimmer und zahlreiche gemeinschaftliche Einrichtungen wie beispielsweise Waschsalons. Ja, klingt spiessig. Ist aber herrlich. In meinem Dorm in Moskau konnte ich vier Wochen lang keine Wäsche waschen weil mir dann wohl die Hälfte meiner Lumpen abhanden gekommen wäre. Es gibt aber auch Räume zum Feiern, zum Lernen, zum Hobeln und Nähen und was der egalitäre Student sonst alles noch braucht um sich wie ein elitärer König zu fühlen.

Nun konnte ich wie gesagt mit der Hilfe von Ericsen Wolfgaard auch das Innere aufsuchen. Besonders angetan haben es mir erwartungsgemäss die Gemeinschaftsräume, über welche jedes Modul verfügt. Auf mehrere Schlafgemächer kommen so eine stattliche Küche mit geschätzten sieben High-End-Kühlschränken sowie ein nordisch schlichter und funktionaler, aber unheimlich stilvoller Wohn- und Essbereich:


Verständlich, wie ich annehme, dass ich den Tränen nahe war. Wie Ericstad Wolfholm bezeugen kann, bin ich leider nämlich nicht besonders fähig, mich in Gemeinschaftsküchen wohl zu fühlen. Hier in Örestad hatte aber sogar ich das Gefühl, dass ich es womöglich länger als ein paar Tage aushalten würde. Ein bewegendes Erlebnis und Zeugnis für die Güte dieses Wohnheims.

Von aussen sieht dasselbige übrigens wie folgt aus:



Übrigens: in einer Liste über die Top 10 der studentischen Unterkünfte in Kopenhagen belegt das Tietgen den etwas enttäuschenden sechsten Rang. Krösus ist eine elitäre und herrschaftliche alte Villa im poshen Charlottenlund. Und da sage ich halt noch einmal das eigentlich Überflüssige: würde die Symbolik des Runden statt für "equality" für den Flaschenboden eines währschaften Bier stehen... Rang 1 wäre kein falsches Versprechen.

Lieber Gott bin ich übermüdet, die Erstsemestrigen haben letzte Nacht gnadenlos unseren Berliner Innenhof beschallt. Sauhunde, stehen noch ganz am Anfang dieser doch schönen Zeit im Leben. Unsereins rackert sich derweilen schon im Büro ab und kann abends nur noch Chillwave von Washed Out hören um nicht übermässig aufgeregt zu werden. Within and Without! Thanks Eric

Montag, 1. August 2011

Groundhopping

Eine der sinnvollsten und zugleich stilvollsten Beschäftigungen die ich kenne ist Groundhopping. Ich bin deswegen stolz zu verkünden, dass ich am letzten Wochenende nach Russland im März meinen nächsten, längst überfälligen Länderpunkt erringen konnte: Dänemark!

Im dänischen Nationalstadion Parken habe ich das Ligaspiel FC Kopenhagen gegen den FC Nordseeland gesehen, ein - wie es sich für wahres Groundhopping gehört - massiv langweiliges Spiel mit dem Endstand von 2:0 für das Heimteam. Keine Ahnung wer die Tore erzielt hat. Aber mal ehrlich: "who cares anyway?", wie der Halbaffe zu sagen pflegt.

Kopenhagen hat 8 der letzten 11 Spielzeiten in Dänemark für sich entscheiden können. Nur 2002 und 2005 wurden sie Zweite, 2008 Dritte. Ich weiss nicht, ob das nun für den FCK oder eher gegen die dänische Liga spricht... Aktueller Captain ist der 1990 geborene Innenverteidiger Mathias Jörgensen. Klingt blond? Nein. Zum besten Spieler wurde der schwedische Leftback Pierre Bengtsson gewählt. Ich war sehr einverstanden mit dieser Entscheidung und könnte mir den Burschen gut bei den Young Boys vorstellen, schliesslich bauen sie doch gerade eine Wikinger-Fraktion auf in Bern (siehe auch weiter unten).

Das Stadion hat übrigens eine Kapazität von 38'000. Der harte Kern der Supporters ist zwar relativ klein, hat aber über 90 Minuten herrlich gesungen und kleidet sich zum Teil bemerkenswert stilvoll 'casual'. Bedauerlich finde ich bloß, dass die Kurvenchoräle überall in Europa zunehmend ähnlicher singen. Blöde Globalisierung!




Eben, wie oben bereits angesprochen, bauen die Berner Young Boys ja zurzeit gerade eine wunderbare Wikinger-Phalanx auf. Einer der Söldner spielte eine Zeit lang erfolgreich beim FCK: Michael Silberbauer. Habe ihn getroffen, war auch beim Spiel:


Sie lieben ihn immer noch in Kopenhagen. Und ich habe gelesen, dass er 2009 auch als Captain beim FC Utrecht zum besten und beliebtesten Spieler gewählt wurde. Schön! Jetzt würde ich übrigens gerne noch den polnischen Länderpunkt machen. Schliesslich wohne ich nach Meinung gewisser Leute bereits in Westpolen. Da dürfte ein Spielbesuch nicht allzu schwierig werden. Aber vielleicht kriminell. Die Polen seien ja unzimperlich, sagt man.

Montag, 18. Juli 2011

Cityscapes: Cartagena






Die Fotos - aufgenommen von verschiedenen Fotografen - stammen von skyscrapercity.com.

Sonntag, 17. Juli 2011

Soziale Segregation in Berlin - Neukölln

Gestern war ich - wie das ab und zu der Fall ist - auf einer der wunderbaren elektronischen Berliner Openair-Parties. Die kleine aber feine Feierei fand versteckt in einem gewerblich-industriellen Hinterhof in Neukölln statt. Und wie ich auf dem Rad durch Neukölln fuhr und mit meinem Kumpel im arabischen City Chicken Restaurant ein halbes Hähnchen verdrückte und dabei Rai aus den Autos dröhnte, musste ich abermals über diese Stadt und den Stadtteil Neukölln staunen. Ich nehme dieses Staunen zum Anlass, in wahrscheinlich zwei Beiträgen etwas über die Stadtentwicklung in Neukölln zu schreiben. Den ersten Teil bildet die historische Entwicklung Berlins - mit Blick auf die Sozialstruktur und auf Neukölln, klar.

Im Studium wollte ich einmal der möglicherweise trivialen Frage nachgehen, inwiefern sich soziale Strukturen von heute durch die historisch-bauliche (und damit hintergründig natürlich auch politisch gestaltete) Stadtentwicklung 'erklären' lassen. Die Frage ist also: Kann ich aufgrund der Stadtentwicklung einfach nachvollziehen, weshalb Neukölln in der letzten Vergangenheit ein sozial so unglaublich schlecht gestellter und sozial segregierter Stadtteil wurde? Ich zeige nun zur ansatzweisen und vereinfachenden Beantwortung dieser Frage einige von mir in dilettantischer Art und Weise angefertigte Skizzen und ergänze diese durch begleitende Worte.

Wir beginnen im Mittelalter. Damals war Berlin klein, kompakt und fürs Mittelalter typisch in sich 'geschlossen'. Die Karte markiert diese Stadt als MA. Mit dem Aufstieg Berlins zur preussischen Stadt musste die Stadtstruktur geöffnet und erweitert werden. Dem Zeitalter entsprechend plante und realisierte der Hof eine barocke Residenzstadt (17. Jh), in der Karte als R gekennzeichnet. Damit, und insbesondere dann auch im 18. Jahrhundert mit Friedrich "dem Großen" und seiner Vorliebe für Potsdam (Karte: P) und Schloss "Sanssouci", entstand eine Berliner Westorientierung: Die Macht lag auf der Achse Zentrum - Westen.


In der Industrialisierung explodierte die Stadt bezüglich Einwohnerzahl usw.. James Hobrecht wurde mit der Planung der räumlichen und sozialen Stadtentwicklung beauftragt, was in der Entstehung der Berliner "Mietskasernenstadt" resultierte. So wurde um das vorindustrielle Zentrum herum der sogenannte "Wilhelminische Gürtel" gebaut; ein Ring von hoch verdichteten, kompakten Stadtvierteln: im von Großindustrie (GI), Industrie (I) oder Manufakturen (M) geprägten Norden, Osten und Südosten vor allem für die Arbeiterklasse und tendenziell mit Kleinwohnungen (KW); im vormals aristokratisch geprägten Süden, Westen und insbesondere Südwesten für das aufstrebende Bürgertum mit Großwohnungen (GW). Dazu kamen ausserhalb dieses Rings die großbürgerlichen Villenviertel (V), die wiederum keinem Ringschema mehr folgten, sondern an günstigen Lagen entwickelt wurden – vor allem wiederum im Südwesten, zwischen Berlin und Potsdam.


Diese Entwicklungsstufe bildete gewissermaßen die Basis. Im weiteren Verlauf der Geschichte kamen, da der zentrale Raum nun bebaut war, zunehmend Überprägungen dieser Basis und punktuelle Auflockerungen hinzu. Die strukturell wichtigsten waren einerseits die modernen Großwohnsiedlungen am Stadtrand und andererseits die Berliner Mauer.

Erstere (z.B. Gropiusstadt, Märkisches Viertel und Marzahn; in der folgenden Skizze ausserhalb des innerstädtischen Kreises/Rings liegend) waren in der Zeit ihrer Entstehung beliebte Wohnorte: nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele zentralere Häuser zerstört, beschädigt und/oder in der Folge aus v. a. ideellen Gründen massiv vernachlässigt worden. Dazu boten die neuen Wohnungen (am Stadtrand) mit Heizung etc. deutlich mehr Wohnkomfort und sie entsprachen ferner einem nicht zuletzt politisch motivierten Idealbild vom Wohnen am Stadtrand.

Die Mauer (Skizze: Mauerverlauf durch 'X' gekennzeichnet) wiederum als Grenze zwischen zwei miteinander konkurrierenden Gesellschaftssystemen bildete eine gewaltige Schneise quer durch die Stadt. In ihrer Umgebung schienen Investitionen und dergleichen aufgrund des nahen 'Feindes' vollkommen sinnlos. Ehemals zentrale Lagen wurden so plötzlich sehr peripher - nahe an der Grenze zu einer anderen, potentiell bedrohlichen Welt.

Was geschah also? Wer es sich leisten konnte oder in einer nun aufgrund der Mauer abgewerteten Gegend lebte zog in beiden Stadtteilen (!) oftmals in die neuen, für mehrere 10'000 Menschen gebauten Großwohnsiedlungen. Im Westteil wurden die innenstadt- und mauernahen Gebiete derweil zunehmend durch Arme, Alte und v. a. Ausländer - z. B. türkische 'Gastarbeiter' - bewohnt. Im Osten dagegen waren die räumlich gleich zu charakterisierenden Gebiete keine Ausländerquartiere, denn in der DDR gab es keinen Zustrom von Ausländern. Die innenstadt- und mauernahen Gebiete waren mit Ausnahme vom politischen Zentrum in Mitte vielmehr Gebiete für Alternative - die dem realsozialistischen System und seinen Umwälzungen hin zu den normierten Wohnungen am Stadtrand eher kritisch gegenüber standen - sowie für Menschen, die vielleicht gerne in eine neue Wohnung gezogen wären, diese aber aufgrund der staatlich gesteuerten Vergabe nicht erhielten. Zusammengefasst gab es nun aufgrund dieser städtebaulichen Veränderungen der Großwohnsiedlungen und der Mauer erhebliche Wanderungsströme: (untere) Arbeitermittelklasse geht raus, Arme und Alternative bleiben, Ausländer im Westteil kommen rein. Und so sah dann dementsprechend die mittlerweile kompliziertere Berliner Welt aus:


Nun kommen wir, ich verspreche es, zum Abschluss. Ich selbst würde nun aufgrund der oben genannten Ausführungen erwarten, dass, sagen wir 10-20 Jahre nach dem Mauerfall, insbesondere die Gebiete sozial am schlechtesten gestellt sind, die a) innerstädtisch im Westen nahe am ehemaligen Verlauf Mauer liegen und b) zu den ehemals nicht-aristokratischen und nicht-bürgerlichen Gebieten gehören. Dies wären dann die Stadtteile Wedding, Kreuzberg und Neukölln.

Schaut man sich die nachfolgende Karte des Berliner Sozialindex 2008 an, sieht man genau diese Stadtteile als dunkelrot gekennzeichnet; innerstädtisch ist sie soziale Lage tatsächlich dort besonders bedenklich, wo in der Skizze oben die KW-Gebiete links (also westlich) der Mauer liegen.

Wir sehen allerdings auch, dass nicht nur Neukölln - und Teile Kreuzbergs sowie der Wedding - tief dunkelrot gefärbt sind. Rote Farbe konzentriert sich auch am westlichen (Spandau) und östlichen Stadtrand (Marzahn). Dies wiederum ist meines Erachtens eine Folge der Jahre seit dem Mauerfall. Auf die unmittelbare Gegenwart und die Zukunft sowohl von Berlin als auch im Besonderen Neukölln komme ich dann jedoch in der Fortsetzung dieses Beitrags zu sprechen. Ich werde darin einerseits die Prognose aufstellen, dass Berlin zunehmend Paris ähnlich sein wird. Andererseits werde ich erklären, weshalb sich Neukölln meiner Meinung nach heute (2011) als Gebiet für Immobilieninvestitionen auszeichnet. Beides ist u. a. auf zeitgenössische Tendenzen im Städtebau zurückzuführen. Und die Tatsache, dass ich in Neukölln auf Openair-Parties gehen kann ist auch ein Indikator.

Cityscapes: Bangkok






Die Fotos - aufgenommen von verschiedenen Fotografen - stammen von skyscrapercity.com.

Mittwoch, 13. Juli 2011

Sound of Berlin

Heute möchte ich jemandem recht geben. Ich stimme nämlich völlig zu, wenn Anja Schwanhäußer im Buch 'Der Sound der Stadt - Musikindustrie und Subkultur in Berlin' postuliert, dass Techno die "geeignete und privilegierte Form (ist), den Weiten des Ost-Berliner Stadtraums zu begegnen."

Ich pflege diesen Weiten glücklicherweise täglich zu begegnen. Es erscheint deshalb nur vernünftig, dass ich bei diesen Begegnungen auch auf die korrekte Form zurückgreife: Techno. Ich verstehe Techno in diesem Zusammenhang aber als Quelle eines Fluidums oder, in anderen Worten, als einen Erzeuger einer bestimmten Atmosphäre. Es geht hier also weniger um Techno als klanglich definierten Musikstil, sondern zuallererst um das schwierig zu beschreibende Fluidum, das ausgelöst wird.

Auf dieser Grundlage schliesse ich drei relativ unterschiedliche, mit Techno im engen Sinne bloss mehr oder weniger verwandte musikalische Kompositionen in meine Empfehlungen des Tages ein; Empfehlungen, wie man Ostberlin begegnen könnte. Gemein ist allen drei, dass sie a) von in Berlin lebenden Künstlern erschaffen wurden, b) absolut zeitgenössische Arbeiten darstellen und c) natürlich allesamt in der Lage sind, dieses Fluidum auszulösen.


1) ECM ist ein sehr renommiertes deutsches Musiklabel für insbesondere Jazz und weitere Musikrichtungen. Nun haben Ricardo Villalobos, der nun wirklich keiner Vorstellung bedarf, und Max Loderbauer (u. a. Mitglied im von mir geschätzten Moritz Von Oswald Trio) Neubearbeitungen einiger Stücke aus dem Backkatalog der Münchner produziert. Das Ergebnis ist natürlich sehr spannend und hörenswert. Und ja, auch das hängt für mich atmosphärisch in gewisser Art und Weise mit Techno zusammen.


2) Nick Höppner ist eine Hälfte von MyMy und stark involviert bei Ostgut Ton, dem, sagen wir mal, eng mit dem Berghain verknüpften Label. Beim Fact Magazine gibt es ein kostenloses und durchaus gefälliges Mixtape von ihm. Und was symbolisiert Ostberlin seit ein paar Jahren nachhaltiger als Berghain/Ostgut Ton? In Amerika, so habe ich munkeln gehört, sagt man nämlich nicht mehr "It's great!". Man sagt: "It's so berghain!" Läppisch, aber egal.


3) Wenn die Begegnung mit dem Stadtraum einem Driften entspricht, dann kann ich ganz besonders das neue Album von Bruno Pronsato empfehlen. Adjektive, die mir spontan in den Sinn kommen bei seiner Musik: elegant, rhythmisch, lässig, hypnotisierend, betörend. Ach was, egal: Driften einfach! Besonders schön wird es jeweils auch, wenn Ninca Leece zu hören ist. Ihr gemeinsames Album als Public Lover sollte meines Wissens übrigens auch bald einmal erscheinen. Dieses Album empfehle ich auch ungehört jetzt schon. Wer nicht warten kann: Public Lover Podcast bei Little White Earbuds!

P.S. Eindrücklich, wie man einfache Dinge kompliziert verpacken kann, nicht wahr? Ich hätte auch bloss sagen können: Dies sind meine drei musikalischen Empfehlungen, die meines Erachtens gut zum aktuellen Wesen Ostberlins passen. Aber dann verstehen es alle, und das kann nicht Sinn und Zweck sein in einer auf geistige Fähigkeit ausgerichteten Leistungsgesellschaft. Aber jetzt wird es schon wieder heikel. Abermals gute Nacht jetzt.

Montag, 4. Juli 2011

Mieten in Berlin

Anschliessend an meine Ausführungen zur Stadtentwicklung in Kreuzberg möchte ich heute einige Worte zu den Mieten in Berlin verlieren. Kürzlich wurde der Mietspiegel 2011 publiziert, worauf ich in diesem Post eingehen will. Nachfolgend deshalb einige Daten und Entwicklungen.

Berlin ist im Vergleich zu Köln, Hamburg, Frankfurt und München deutlich günstiger. Der Medianpreis für Mieten beträgt 6,38 Euro/qm (netto, kalt). Dies entspricht 53 % des Münchner Mietpreises, 61 % des Mietpreises in Frankfurt, 69 % des Hamburger und 75 % des Kölner Mietpreisniveaus. Der Mittelwert wiederum liegt bei 5,21 Euro/qm (netto, kalt).

Gesamthaft erstreckt sich der städtische Wohnungsmarkt von einem Einsteigepreis von unter 4 Euro/qm für einfache Wohnungen in eher schlechten Lagen bis zu 10 Euro/qm. In dieser Bandbreite liegt der Berliner Wohnungsmarkt wesentlich unter den oben erwähnten deutschen Vergleichsstädten. Auf der nachfolgenden Grafik kennzeichnet rot gute Wohnlagen, orange mittlere Wohnlagen und gelb einfache Wohnlagen:

Betrachtet man die Entwicklung über die letzten zehn Jahre, erkennt man eine annährend linear verlaufende Teuerung der durchschnittlichen Mieten.

Für das letzte Jahr galt ein Preisanstieg von durchschnittlich 4 %. Betrachtet man den Mietpreis von 4 Euro/qm für das Jahr 1999 als Grundlage, so liegen die Mieten heute - also 12 Jahre später - zirka 30 % höher. Zum Vergleich: Der Mietpreisindex der Stadt Zürich stieg im Zeitraum 2000 bis 2011 - also in elf Jahren - um 18 %. Schaut man genauer hin, so zeigen sich beträchtliche lokale und funktionale Unterschiede. So stiegen die Mieten in den guten Wohnlagen letztes Jahr um fast 11 % an. Besonders stark stiegen zudem die Mieten für Altbauten an, welche sich vornehmlich innerhalb des S-Bahn-Rings befinden:

Die Leerstandsquote in Berlin hat sich in der Zeit zwischen 2001 und 2010 auf 3 % halbiert. Zum Vergleich einige Städte in der Schweiz: Zürich 0, 07 %, Lausanne 0,2 %, Genf 0,25 %, Bern 0,45 %, Basel 0,8 %. Begründen lässt sich diese Entwicklung durch eine auf einem niedrigen Stand verharrende Neubautätigkeit und einen Anstieg der Anzahl der Haushalte von über 9 % zwischen 2000 und 2009. Die Folge: Das Angebot wird knapper und die Preise steigen. Immobilienexperten beobachten zudem, dass zunehmend Leute mit Geld nach Berlin kommen wollen. Der Immobilienmarkt brummt; die Stadt verfügt über das größte Potential in ganz Deutschland.

Wie in jeder Stadt sind aber auch in Berlin große lokale Unterschiede auszumachen, Lage matters! Dies sind bezüglich Miet- und Wertsteigerungen die Trendviertel der Stadt:

1. Charlottenburg (Westen, zentral, ruhig, viele Altbauten)

2. Mitte (sehr zentral, viele Attraktionen, teilweise Szeneviertel)

3. Prenzlauer Berg (zentral, viele Altbauten, ehemals Alternativviertel des Ostens)

4. Kreuzberg (Szeneviertel, zentral, dicht besiedelt, traditionell Alternative und Ausländer)

5. Friedrichshain (zentral, viele Altbauten, ehemaliges Arbeiterviertel des Ostens)

Es folgen Schöneberg, Neukölln, Tiergarten, Wilmersdorf und Wedding auf den weiteren Rängen. Mein Stadtteil liegt auf Rang 35 von 80 und ich glaube, dass es ein Spätzünder sein wird welcher abheben wird, wenn die anderen ihr Pulver verschossen haben. Gute Nacht allerseits.

Quellen: Senatsverwaltung Berlin, Tagesspiegel, Handelsblatt, Stadt Zürich

Montag, 27. Juni 2011

House Music Your Dad Does Not Mind

Herrschaften, es ist wieder einmal Zeit für drei brandheisse Mixes! Es ist unfassbar, welche Menge an fabelhaft guter Musik durch die Weiten des Webs geistert. Heute auf dem silbernen Servierteller: Deepness, mein bevorzugter Hauptgang.

Wir beginnen wieder einmal mit der Left Coast aka Best Coast aka West Coast. Tokimonsta aus Los Angeles erfreute mich kürzlich mit ihrem Mix für Oki-Ni. Hip Hop? Nein mann, Bliss Hop!


Weiter geht die Feier mit dem sensationellen Mix von Mudd für das coole Schweizer Finger Mag. Paul Murphy, selbst ernannter Teejunge beim wunderbaren Claremont 56-Label, steuert hier einen Housemix bei, der, so die tollkühne Vermutung, auch deinem (!) Vater nichts ausmachen würde. Mir auch nicht! Und die Leute beim Finger Mag sind der Meinung: "(...) it's a wonderful trip we could imagine hearing on a cruise boat with all the ladies dancing on the deck wearing..." Stimmt. Hier geht es zum Mix.

Die klassische Trilogie vollendet die talentierte Timnah Sommerfeldt aus Basel. Für Monday Edition hat sie eine gewohnt deeeeeepe Reise kompiliert. Von ihr habe ich noch absolut nichts auch nur Mittelmässiges gehört. Click and say: Yeeees! Der Sommer kann bleiben.

Samstag, 25. Juni 2011

Stadtentwicklung in Kreuzberg

Seit Anfang Juni arbeite ich nun für einige Monate bei einem tollen Berliner Büro für Stadtentwicklung und -forschung. Vorbei ist das wundervolle Studentenleben! Und dementsprechend reduzieren sich natürlich auch die Möglichkeiten zum privaten Bloggen. Doch heute möchte ich die sich bietende Gelegenheit ergreifen und von einer konkreten Erfahrung aus meiner letzten Arbeitswoche berichten.

Eine meiner Kernaufgaben ist die Mitarbeit an einer Potentialanalyse (Fokus: Besucher / Touristen) für den Wrangelkiez im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Dieser Kiez befindet sich ganz in meiner Nähe und liegt im östlichen Kreuzberg. Sein Herz bildet das Schlesische Tor, welches in der nachfolgenden Karte oben links abgebildet ist. Von hier aus führt die bekannte Oberbaumbrücke über die Spree hinüber nach Friedrichshain. An seinem südlichen Ende grenzt der Kiez an den berüchtigten Görlitzer Park; im Osten verlief einige Jahrzehnte lang eine massive, unsägliche Mauer.


Durch seine Lage im unmittelbaren Mauergebiet stand der Wrangelkiez lange Zeit im stadtentwicklungspolitischen Abseits. Er lag zwar einerseits im kapitalistischen West-Berlin, jedoch andererseits direkt an der Grenze zu der realsozialistischen Bedrohungszone. Mit anderen Worten: Der Kiez war kein Raum für langfristige Investitionen und ambitionierte Wertschöpfungsstrategien.

Nicht zuletzt deshalb zogen v. a. Alternative und Ausländer (sprich: überwiegend türkische Gastarbeiter und deren Familien) in die zunehmend prekären Altbauten in Kreuzberg 36. Im Schatten der Mauer entwickelte sich ein lokalspezifisches Milieu und die bekannte 'Kreuzberger Mischung' aus Wohnen und kleinen Produktions- und Handwerksstätten sowie Kulturbetrieben. Kreuzberg 36 und damit der Wrangelkiez wurden auf diese Weise zu einem Ort alternativer sozial-politischer Strömungen und Gruppierungen; zum Beispiel die unheimlich gefährlichen und wahnsinnigen Punks.

Nun ist bekannt, dass die Mauer seit über 20 Jahren abgetragen ist. Das bedeutet: die Stadt hat eine sehr stark strukturgebende Komponente verloren - um nicht zu sagen: abgeschafft - und bot deshalb in diesen beiden vergangen Jahrzehnten Raum für massive Veränderungen. Auch die ehemalige 'Insel Wrangelkiez' - gestern im Niemandsland, heute zentral gelegen - verändert sich gerade in den letzten Jahren mit zunehmender Geschwindigkeit. Der Kiez ist heute hip! Zwar gibt es noch die Alteingesessenen, aber sie registrieren bei ihrem Spaziergang durch den Kiez heute zunehmend szenige Kneipen und Clubs (z. B. Watergate) sowie verdächtige Firmenanschriften (z. B. Beatport oder Native Instruments). Und sie begegnen dabei zu jeder Tages- und Nachtzeit Horden von Hipster-Touristen oder Leuten wie mir. Leute die zwar hier wohnen, dies aber a) erstens seit relativ kurzer Zeit tun und b) die erwähnten szenigen Kneipen besuchen und deren Existenz zumindest grundsätzlich begrüssen.


Der Wrangelkiez befindet sich demnach in einem Prozess der Gentrifizierung: ein Stadtteil erfährt eine sozioökonomische Umstrukturierung mit ökonomischer Aufwertung und im Zuge dessen werden Gruppen mit niedrigem Sozialstatus (also oftmals Arme, Alte und Ausländer, das Triple A) verdrängt. Denn dieser Prozess bedeutet ohne entsprechende Gegensteuer auch steigende Mieten - und Berlin ist eine Stadt mit vielen Mietern, die sich überdies vergleichsweise tiefe Mieten gewohnt sind; die Veränderungsmöglichkeiten 'nach oben' sind deshalb prozentual gesehen sehr hoch.

Dies also ist kurz gesprochen die Basis für unsere Studie. Und es war auch die Basis für eine Veranstaltung, die ich im Rahmen meiner Tätigkeit letzten Donnerstag besucht habe. Der Anlass hiess 'Kiez im Wandel' und es diskutierten u. a. der Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg sowie interessierte Anwohner. Doch an Diskussion war erstmal nicht zu denken: die ersten 40 Minuten des zweieinhalbstündigen Runden Tisches waren Ausdruck der 'Kreuzberger Mischung'. Kaum wollte nämlich einer der anwesenden politischen Vertreter etwas erläutern, fiel im sogleich jemand lautstark und beleidigend ins Wort: Alteingesessene, Hausbesetzer, whatever. Der grüne Bürgermeister erinnerte mich an den Helden einer griechischen Tragödie, und Teile des Publikum wollten seinen Untergang sehen - um jeden Preis.

Zuerst dachte ich: "Herr im Himmel, schenke diesen armen Leuten Gnade! Sie sind offensichtlich unfähig und gehören von ihrem Leid erlöst. Weise ihnen den Weg zur Vernunft. Dann können wir hier vielleicht irgendwann doch noch diskutieren." Doch irgendwann musste ich realisieren, dass diese Menschen eben gerade das zumindest teilweise ausmachen, was den Wrangelkiez im Grunde herrlich macht: Unangepasstheit, Kampf gegenüber den Mächtigen und deren Konventionen, radikales Anderssein, alternative Lebensentwürfe.

Mit der Zeit entstand dann doch eine halbwegs normale Gesprächskultur und es wurde heftig über steigende Mieten, Lärm und Lebenspläne gestritten. Wobei zu beobachten war, dass die Anwesenden gerade beim Thema der Mietproblematik eine annähernd identische Meinung vertraten, nämlich diejenige, welche in der Regel der politischen Linken zugesprochen werden kann. Vertreter von Investoren, welche die lokalen Liegenschaften kaufen, renovieren, aufsplittern und danach mit hoher Rendite wieder an zahlungskräftigere Leute verkaufen, waren jedenfalls keine auszumachen. Sie sind für die meisten Bewohner wahrscheinlich sowieso grundsätzlich unsichtbare und ungreifbare böse Geister, die weit weg in gläsernen Bürotürmen sitzen und dort versuchen, ihre Geschäfte in der Form von Fondsanteilen mit versprochener 10%-Rendite potentiellen Anlegern schmackhaft machen.

Ich war im Angesicht so hoher Komplexität erstmal dem geistigen Knockout nahe. Dann wurde mir aber abermals noch klarer, dass Stadtentwicklung nicht bloss von zentraler Hand geplante Entwicklung nach kapitalistischer Verwertungslogik heissen sollte. Zumindest nicht überall, denn Berlin würde unheimlich viel Qualität und auch Attraktivität (!) verlieren, wenn es all dies der Verdrängung preisgeben würde. Gleichzeitig steht die Stadt unter enormem finanziellen Druck und hat deswegen ganz offensichtlich Anreize, ihre Schuldenlöcher zu stopfen, was zumindest kurz- bis mittelfristig am besten dadurch gelingen dürfte, dass Liegenschaften an meistbietende internationale Investoren verkauft und der Tourismus nahezu uneingeschränkt gefördert wird.

Allgemeiner formuliert bin ich übrigens der Meinung, dass es von erheblichem Wert ist, zumindest ab und zu mit mit fremden und möglicherweise irritierenden Themen und Gedanken in Kontakt zu kommen. So wie beispielsweise an einer Veranstaltung mit Linksextremen oder von mir aus auch mit der SVP. Eine Tagung im Albisgüetli als Schule des Lebens oder Erweiterung des Horizonts - klingt verrückt, ich weiss. Aber im Kern geht es darum, die Positionen von unterschiedlichen sozialen und politischen Gruppen besser verstehen zu können.

Jedenfalls ist die Gemengelage für die Studie eine komplexe, genauso wie 'die Stadt' ein enorm komplexer Gegenstand ist, den radikal zu vereinfachen ganz gewiss grosse Risiken birgt. Wir werden sehen, welche möglichen Empfehlungen die Studie hervorbringen wird.