Montag, 14. November 2011

Neoromantik


Vergangenes Wochenende waren wir im Kino. Wir wollten uns unbedingt Melancholia ansehen, den aktuellen Film des dänischen Regisseurs Lars von Trier. Ich mochte den Film, fand ihn aber gleichzeitig auch bedrückend. Ist ja aber irgendwie auch verständlich, schliesslich dröhnt der Planet Melancholia unaufhaltsam auf unsere Erde zu und droht alles zu zerstören. Zerstören? Jein. Das kommt jetzt eben auf die Leseart an. 


In meiner Leseart weist der Film beträchtliche Parallelen auf zu Tree of Life, dem ebenfalls erst kürzlich aufgeführten Film von Terrence Malick. So wird das Leben in beiden Filmen im Kosmos eingebettet - im grossen Ganzen und im Entstehen und Vergehen von Leben. Dies geschieht einerseits auf visueller Ebene, denn beide Filme blenden immer wieder Bilder oder Filmsequenzen des Universums und anderer extraterrestrischer Phänomene ein. Andererseits geschieht es aber beispielsweise auch durch die Darstellung der Frage, wie die Menschen gewissen unausweichlichen Dingen wie dem Tod und der Liebe gegenüberstehen; wie sie also ihre Rollen in eben jenem ewigen Kreislauf aus Entstehen und Vergehen wahrnehmen.


Interessanterweise zeigen nun auch unter diesem Aspekt beide Filme einander sehr ähnliche Muster. Im Falle der Hauptfiguren von Melancholia leiden in Anbetracht des unaufhaltsamen Schicksals allen voran der wissenschaftsgläubige John und dessen im Alltag erfolgreiche und pragmatische Frau Claire. Bei Tree of Life wiederum sehen wir insbesondere Brad Pitt in der Rolle des strengen und autoritären Familienvaters Mister O'Brien mit dem Verlust seines Sohnes und dem Zustand der Gesellschaft hadern. Allgemein interpretiert zeigen die beiden Filme deshalb meines Erachtens das Scheitern respektive Leiden und die Überforderung rationaler und vernunftorientierter Menschen. Die in der "normalen Welt" depressive Justine erträgt das Schicksal als instabile und emotionale Person im Angesicht von Melancholia jedenfalls wesentlich besser als ihr Lebensumfeld. Und auch in Tree of Life liegt die Erlösung für Herrn O'Brien quasi im Loslassen vom Rationalen.

Ist es Zufall, dass gerade in dieser Zeit zwei solche Filme produziert werden, die dann auch noch ausgezeichnet und vom Publikum sehr gut angenommen werden? Oder steckt dahinter vielleicht ein Unbewusstes? Etwas was die Kollision zweier Planeten potentiell nicht als Zerstörung betrachtet, sondern als etwas Unbewertetes? Wird hier sowohl durch die bloße Produktion solcher Filme als auch durch deren Inhalt bewusst oder unbewusst auf eine Abkehr von der Fokussierung auf das Rationale hingewiesen?

Die "westliche" Welt der Gegenwart wird geprägt von ökonomischen und politischen Krisen, von Markt- und Staatsversagen wie der Ökonom sagen würde. Dazu kommt, man vergisst es fast, die vermeintlich menschgemachte Krise der Natur. Diese Krisen und die ihnen zugrunde liegenden Mechanismen übersteigen dabei aufgrund ihrer immensen Komplexität das Vernunftvermögen von vermutlich fast allen Menschen. Dies kann von den Individuen wiederum und vorrangig unbewusst als Scheitern der Rationalität und Vernunft aufgefasst werden. Das Resultat wäre dann wahrscheinlich die schrittweise Abwendung der Menschen von diesen Paradigmen.


Wie kann diese Abkehr aussehen? Ein Beispiel könnte vielleicht das urbane Gärtnern darstellen. Was ist nämlich die Motivation der urbanen Gärtner? Ich weiss es natürlich nicht, vermute aber, dass es mit einer Sehnsucht nach Natur und Erdverbundenheit zu tun haben könnte. Dahinter, also hinter dieser Sehnsucht, steht möglicherweise eine Abwendung vom Rationalen und Vernünftigen, eine Hinwendung vom überfordernden Komplexen hin zum erfahr- und lebbaren Einfachen. Oder von mir aus eben gerne auch zum Mystischen, zum Wunderlichen, zum Emotionalen und Ungeordneten. Zu was auch immer; Hauptsache es sprengt die Maximen der Rationalität und Vernunft.

Bei mir selbst beobachte ich ebenfalls seit einigen Monaten eine große Lust auf die Lektüre von Arthur Schopenhauer. Ich rufe deshalb den Dezember auch gleich zum Schopenhauer-Monat aus. Zudem platziere ich meine Wette auf die Formung einer Epoche der Neoromantik - falls die Welt nicht vorher untergeht. Oder glaubt wirklich jemand ernsthaft daran, dass es Zufall ist, dass Melancholia ganz oft in einem blauen Farbton daher kommt und Tristan und Isolde eine dermassen prominente Rolle einnehmen? Arthur doesn't care anymore anyway.


Sonntag, 13. November 2011

Hipster's Paradise


Ehrlich gesagt wusste ich nicht, auf was ich mich mehr freuen sollte - auf die preislich reduzierten Markenkleider oder auf das sich abzeichnende soziokulturelle Spektakel in den weiten Industriehallen auf dem Berliner Arena-Gelände... Die Antwort bekam ich dann aber schneller als mir lieb war.

American Apparel, die sagenumwobene Bekleidungsmarke aus dem sonnigen Los Angeles, rief die Berliner auf zu einem Fabrikhallen-Ausverkauf. Schon auf den Werbeinseraten stand "freier Eintritt"; man konnte sich also denken, welche Inszenierung sich die Kalifornier wohl ausgedacht haben mögen. Hollywoodreif. Oder hat irgendjemand in seinem Leben schon mal Eintritt bezahlt, um in einem Laden Kleidung zu kaufen? In Ordnung, zugegeben, dieses Warehouse-Sale-Wochenende dürfte für die Gerüchten zufolge in finanziellen Nöten steckende Kultmarke erhebliche logistische Kosten bedeuten. Aber trotzdem: ich würde zweifellos keine 5 Euro Eintritt bezahlen für eine Halle voller Restposten. Aber man weiss ja: es gibt nichts was es nicht gibt. Vielleicht wäre es betriebswirtschaftlich sogar sinnvoll gewesen, einen bescheidenen Eintrittspreis zu verlangen - vorgetäuschte Exklusivität und so. Einige Leute wären dann zwar wohl empört draussen geblieben. Andere hätten sich aber vermutlich gesagt: "Mensch, wenn ich schon Eintritt bezahlt habe, will ich jetzt aber auch etwas kaufen. Sonst lohnt sich das ja nicht!" Herrlich. Vor dem Eingang standen auf jeden Fall Absperrungen und Türsteher, die ganz sicher nicht zur Zielgruppe von AA gehören.


Dass diese Veranstaltung ein Event sein würde und kein simpler Kleiderverkauf war spätestens nach dem Passieren der Schranken klar. Der Türsteher wollte mich zuerst gar nicht reinlassen, ich hätte zu breite Hosen an und trüge keine Jutetasche, bemerkte er. Kleiner Scherz am Rande, haha. Drinnen dröhnte um 10 Uhr morgens Elektro, wie die Jugend von heute sagen würde. Etwas streng für mein Gemüt. Aber wir sind ja in Berlin, also war wohl einfach After Hour.

Obwohl die Fabrik erst seit einer knappen Stunde geöffnet hatte tobte erwartungsgemäss bereits ein Kampf um die wenigen Filetstücke. Die Botschaft wurde offensichtlich erhört! Bei einigen Zeitgenossen hatte ich den Eindruck, dass sie im Takt der Musik Kleidungsstücke in ihre Warenkörbe packten, also mit mindestens 130 BPM. 


Die Frage, ob mich nun die angebotene Ware oder das aufgeführte Spektakel mehr in den Bann reissen würde, war, wie wahrscheinlich schon erraten werden konnte, nach wenigen Minuten geklärt. Beachtenswerte Mode fand ich kaum welche, zügige Hipster hingegen in einer noch selten gesehenen Dichte. Das war ja schön. Andererseits ist es aber machmal auch ernüchternd, wenn die Überraschung ausbleibt und sich das vermeintliche Klischee als ungeschminkte, gnadenlose Realität präsentiert. Aber: who cares, das Universum ist fair; schnappte sich einen Schal und stellte sich in die Warteschlange.


Nach der Hälfte der Warteschlange warf ich einen Blick zurück über meine Schulter. Es waren nun zirka 15 Minuten vergangen, in welchen man solch symbolreiche Sätze zu hören kriegte wie die folgenden beiden Beispiele:

a) "Mist, ich muss im Büro anrufen, es dauert hier länger, ich komme zu spät zur Arbeit."

b) "Diese Hose ist niedlich. Ich weiss halt nicht, ob sie passen wird."

Aber das ist ja nicht so wichtig, schliesslich bezahlt man geschätzte 70 % weniger als im Alltag. Dann kann man schon mal die Katze im Sack kaufen, wie Hans-Rudolf jeweils zu sagen pflegte - in der Schlange vor dem Asia-Imbiss, oben bei mir in den Bergen. Ein Blick nach vorne deutete auf eine weitere Viertelstunde anstehen.


Nach einer guten Stunde spätkapitalistischen Anschauungsunterrichts war ich um einen fantastisch psychedelischen Schal für neun statt 22 Euro reicher. Gut gemacht!



Dienstag, 8. November 2011

Unbedingt bloggen!


Zwei abschliessende Erinnerungsfotos aus London im Oktober 2011. Von erheblicher Relevanz für die Welt!!!

Foto 1: Drei Menschen, von links nach rechts oder umgekehrt.



Foto 2: Eine Ode an den großen Al Bundy, Inspirationsquelle und Vorbild.



Sonntag, 6. November 2011

Ein Sonntag im Spätherbst


Ausgedehnt frühstücken mit nettem Besuch aus Neukölln. Lange spazieren und diskutieren im Treptower Park.


In einer Ausgabe der ZEIT aus dem lange vergangenen September über die Formen- und Symbolsprache des Automobils lesen und einen Schwarztee trinken. Caged Animals und Blomstre hören. Die Wäsche zum Trockenen aufhängen. Rindspfeffer zubereiten und mit einem Glas Rotwein geniessen. Tatort gucken und auf den falschen Täter setzen.


Zufrieden sein ein Spiesser zu sein.

Dienstag, 1. November 2011

There is so much good music out there it is just crazy lazy daisy


Es ist Herbst und ich mag es. Ein schöner Satz, sprühend vor Einfallsreichtum. Schön sind auch die Schneebeeren, die zurzeit ihre giftigen Früchte tragen und die man im Park herrlich pflücken kann um den Herbst in die Wohnung zu bringen.


Tatsache ist aber, dass ich nur eine kümmerliche Ahnung habe von Botanik. Schade eigentlich, ist es doch eine wie ich meine ausserordentlich stilvolle Eigenschaft über umfassende Pflanzenkenntnisse zu verfügen. Glücklicherweise schaue ich schon auf mehrere Jahre Gartenarbeit bei meiner Grossmutter zurück. Ich muss diese körperliche und seelische Ertüchtigung in Zukunft unbedingt wieder aufnehmen.

Was wollte ich eigentlich? Ach ja, richtig: ein paar aktuelle Alben aus dem Bereich der elektronischen Musik empfehlen. An und für sich habe ich ja Grund zur Annahme, dass diese Empfehlungen sowieso kaum jemand liest. Und von den Wenigen die es trotzdem tun wird wahrscheinlich keine einzige Person eines der Alben auch tatsächlich kaufen. Entweder weil er/sie denkt ich würde besser das Maul halten oder weil er/sie aus fragwürdigen Gründen keine Musik kauft oder - und hier wäre Lob angebracht - die Alben schon in seiner/ihrer zivilisierten Sammlung führt. Letzten Endes ist auch das egal, wie immer. So weiss ich in 37 Jahren zumindest noch, was mir im Herbst 2011 gefallen hatte.


Das oben abgebildete Cover gehört zum Album "Wander/Wonder" vom US-Amerikaner Balam Acab, bürgerlich Alec Koone. Was ist das für Musik? Vom Stile her vielleicht Electronica mit Einflüssen von Ambient, R'n'B und Intelligent Techno. Keine Ahnung, wirklich. Pitchfork hat die Arbeit aber eigentlich schon gemacht und schreibt: "It's pretty (...). It's the sort of music that exists at the intersection between art and design, but it manages to avoid feeling sterile. (...) W/W is pastoral, more likely to bring to mind sunlight slanting through a window that overlooks a rural garden. (...) This is functional music that highlights the simple pleasure of artfully arranged sound, the kind of gorgeous and evocative record that fills up the room and shifts your perception for 37 minutes and then brings you gently back to the surface." Sehr schön formuliert von Pitchfork, das sind Profis. Und siehe da, welch erhabener Zufall, ist doch in diesen Worten auch das Gartenthema präsent.


Wollen wir hingegen etwas mehr in Richtung Tanzfläche steuern bieten sich meines Erachtens die aktuellen Werke zwei meiner grundsätzlich bevorzugten DJs und Produzenten an: Lawrence aus Hamburg und Scuba aus London, wohnhaft in Berlin und Organisator der eindrücklichen Sub:Stance-Reihe in Berghain/PB.

Lawrence ist ein Meister des deepen House und mir somit von Natur aus ein Freund im Herzen. Sein Mix punktet bei mir jedoch nicht nur mit der Musik, sondern ebenso mit dem Titelbild der Zusammenstellung. Ein prächtiges Cover!

Scuba wiederum war einmal eines der Aushängeschilder von Dubstep. Diese Musik ist aber in den letzten Jahren unter ihrer schweren Basslast quasi implodiert und in tausend Fraktale zerfallen. Ein Fall für Mandelbrot. Sein Mix ist nun jedenfalls entsprechend seiner Berliner DJ-Sets eine Reise durch die Gefilde des UK-Bass, der Berliner Schule und der House-Musik. Und ich muss sagen, dass ich bei den ersten Hörproben ein bisschen enttäuscht war. Mittlerweile gefällt mir das Set aber immer besser, und das spricht meistens für die Qualität eines Werks, wenn es nämlich mit der Zeit wächst wie die Frucht einer Schneebeere.

Der Grund meiner anfänglichen Enttäuschung liegt vermutlich auch darin, dass ich Scuba kürzlich im Plastic People in London erlebt habe und er dort ein "englischeres" Set zum Besten gab. Mehr UK Garage, mehr Stilwechsel, mehr Hymnen. Sein All-Nighter war herrlich und eine Demonstration seiner immensen Fähigkeiten sowie seiner Stilsicherheit auch bei einer erheblichen Breite an Stilen. Die DJ Kicks klingt jetzt eher nach Berghain, was bedeutet, dass UK Garage beispielsweise keine explizite Berücksichtigung findet. Doch solange er die Reise mit seiner sensationell kitschigen Eigenproduktion "Adrenalin" abschliesst bin ich jederzeit mit im Boot. Da kommen Erinnerungen auf an den Keller in Shoreditch und die Euphorie und die zur Himmelsdecke erhobenen Hände! Auf jeden Fall mit jedem weiteren Hörgang ein wunderbarer Mix.



Auch wenn ich oft kein besonders grosser Freund von Hipstertum bin - ich glaube dahinter vielleicht fälschlicherweise oftmals jämmerliche Borniertheit zu erahnen - mag ich doch die neue Musik von New Look sehr gerne. Was hört man? Elektronischen Pop mit sehr schönen Vocals und Anleihen an Grime und (Post) Dubstep, vielleicht? Ich würde das Album jedenfalls uneingeschränkt zum Kauf empfehlen. Es klingt in meinen Ohren bereits jetzt nach einen zukünftigen Klassiker.


Sonntag, 30. Oktober 2011

Asoziale Zecken Babelsberg


Gestern Samstag heftete ich mich an die Fersen asozialer Babelsberger Zecken. Die Hertha und Union hatten mich bislang ja nur ausgesprochen mässig begeistern können und so kam die Gelegenheit eines Fussball-Spiels der Dritten Liga gerade richtig.

In Babelsberg, einem malerischen Ort zwischen Berlin und Potsdam und bereits auf Boden des Bundeslandes Brandenburg gelegen, ist der FC St. Pauli des Ostens beheimatet: der SV Babelsberg 03. Das herrliche Stadion liegt am Rande alter Arbeitersiedlungen und lässt von der guten alten Zeit des Fussballsports als Freizeitbeschäftigung des Proletariats träumen.


Das passt also insofern ganz wunderbar zur linksalternativ gefärbten Zuschauergemeinde, deren Anwesenheit sich gemäss der Berliner Zeitung taz eigentlich ganz einfach erklären lässt: "Potsdamer Hausbesetzer waren in den 90er Jahren auf der Suche nach einem Verein zum Zuschauen. Sie fanden ihn im SV Babelsberg 03 (...)."

Ich fand zwar keinen Potsdamer Hausbesetzer, dafür den Gabberhead R. J. aus Rotterdam (siehe Porträt), der immerzu etwas von "Speed umsonst" labberte, sowie den Headbanger C. S. aus Hessen. Die Jungs soffen schon im Zug Sterni aus der Flasch und ich musste mitmachen um mich zu integrieren. Wollte ja nicht als Weichei auffliegen.


Das Spiel vor zirka 2'800 Zecken war ein klassischer Ground-Hopping Genuss: Wunderbares Geplänkel im Mittelfeld, wenig zwingende Dominanz der Gästemannschaft aus Osnabrück... und plötzlich aus dem Nichts das skurrile 1:0 für die Hausherren. Die Osnabrücker, vermutlich Aufstiegskandidaten, erzielten jedoch recht bald den wohl unvermeidlichen Ausgleich. Es sah düster aus für den Fünftletzten. Doch wenige Minuten vor dem Ende erzielte Starstürmer Markus Müller den herrlichen Siegtreffer. 2:1, Bier her und jubeln!



R. J. war nun euphorisch wie am Weihnachtsabend auf einem holländischen Gabberrave mit Freispeed. Er will mich fortan zusammenfalten und als Glücksbringer in einem Koffer mit an die Heimspiele nehmen. Kreative Zerstörung würde Schumpeter jetzt nuscheln. Nüchtern fuhren wir mit der S zurück ins grosse Berlin.


P.S. Babelsberg hat vor ein paar Tagen den Schweizer Zlatko Hebib verpflichtet. Ich glaube, ich habe nach über zwei Jahren endlich mein Team gefunden.

Dienstag, 25. Oktober 2011

Der irritierte Flaneur


Wenn man viel im Osten ist, muss man - sofern man die Stadt wirklich auch nur annähernd in ihrer Gesamtheit verstehen will - auch mal in den Westen. Das gilt für Berlin genauso wie für London.

Also gingen wir im adeligen London flanieren. Das wäre ja eigentlich eine prächtige Freitzeitbeschäftigung. Wären da bloss nicht die endlosen Ströme bedenklich nachlässig gekleideter Touristen. Das sind dann eben die Rückseiten einer World Tourism City, einer Stadt mit 45 Millionen Übernachtungen im Jahr 2010 (Rang 1 in Europa, Berlin liegt mit 20 Millionen auf Rang 3, Paris mit 34 Millionen auf Rang 2).

War der Londoner Osten ehemals fast ausschliesslich Arbeitergegend und der Westen Heimat des Adels, ist auf den Straßen in Zeiten massiver Urbanisierung und globaler Umstrukturierungen eine Umkehr der Stile zu beobachten: das Stadtbild historischer Adelsviertel verkommt zu einer Fassade, bevölkert von vermeintlich funktional und unvorsichtig gekleideten Touristen. Der Osten als neuer Standort global operierender Konzerne und junger Kreativer mausert sich demgegenüber urplötzlich zur Schaubühne teurer Anzüge und hipper Untergrundmode.

Stimmt natürlich nicht. Respektive höchstens für einzelne hochfrequentierte Orte zeitgenössischen Tourismus wie die Gegend um Westminster Abbey oder den sowieso wenig charmanten Buckingham Palace. Belgravia (unterstes Foto) hingegen ist davon beispielsweise weit entfernt. Und geniesst der Flaneur dort bei La Bottega erstmal ein Stück fantastischen Zitronenkuchens sieht die Welt gleich wieder deutlich nobler aus.






Die Fassaden sind natürlich immer noch prächtig. Man muss bloss aufpassen welche Motive man wählt, sonst zeigt sich ganz schnell die ganze Realität aus gebautem und bepflanztem Raum sowie  (!) Touristen.

Entschuldigung, dieser Text ist bösartig. Ich sehe auch öfter als mir lieb ist senil aus. Und Kleidung ist nicht alles. Aber eben auch nicht nichts. Zumindest nicht auf irdischen Argumentationsebenen, nicht wahr?

Montag, 24. Oktober 2011

City of London


Die City of London ist ein seltsames Stück Land. Oft wird sie nur City genannt oder Square Mile, denn letzteres entspricht fast ihrer tatsächlichen Größe. Auf diesen umgerechnet etwas weniger als drei Quadratkilometer leben auch nur gut 11'000 Leute. Dementsprechend ruhig ist es in einzelnen Ecken der City am Wochenende auch. Unter der Woche sieht es allerdings anders aus.

Gemäß der  städtischen Behörde arbeiteten 2008 etwas über 300'000 Menschen in der City, wovon alleine 50'000 im Bankwesen beschäftigt waren. Um die Jahrtausendwende waren es sogar noch über 20'000 Banker mehr, die sind aber vermutlich in Horden nach Canary Wharf "strafversetzt" worden, wie es unser Gastgeber bei einer Investmentbank in der City wohl ausgedrückt hätte.

Die City konkurriert hinsichtlich ihrer räumlich extrem gebündelten Bedeutung als Knotenpunkt internationaler Finanzströme eigentlich nur mit der New Yorker Wall Street. So ist London beispielsweise der bedeutendste Handelsort der Erde für Devisen: 2007 wurde über ein Drittel aller weltweiten Devisenhandelsgeschäfte über London abgewickelt. Und heute habe ich in der S-Bahn im Economist gelesen, dass 70 % aller globalen Aktienhandelsgeschäfte über London, New York und Hong Kong laufen würden. Was wir hier sehen, ist das in meinem kürzlichen Blogpost über Canary Wharf angedeutete Phänomen der Global Cities, welche Kontroll- und Steuerungsfunktionen der Weltwirtschaft räumlich bündeln.

In den letzten Jahren entstanden im Einklang mit diesem Geschäftsmodell nun zunehmend und gegen den vermutlich erbitterten Widerstand von English Heritage eine Reihe mehr oder weniger spektakulärer Bürohochhäuser. Das bekannteste ist zweifellos die Gurke von Norman Foster, über den mein Chef kürzlich aus mir noch nicht bekannten Gründen geflucht hat. Auch wenn es niemanden interessieren dürfte, aber ich war und bin seit Beginn der Bauarbeiten begeistert von diesem Gebäude und empfehle deshalb auch den Film über die Entstehungsgeschichte der Londoner Ikone der 2000er Jahre.


In unmittelbarer Nähe (auf dem Foto unten sieht man die Gurke im Hintergrund) steht auch das für die Postmoderne symbolische Lloyds Gebäude vom zweiten Stararchitekten aus London, Richard Rogers.


In den nächsten Jahren werden insbesondere mit dem Pinnacle (288 Meter) und dem Walkie Talkie (160 Meter) noch weitere relativ bemerkenswerte Gebäude errichtet werden und der City damit endgültig ein CBD-Gesicht mit Einzelgebäuden aus unterschiedlichsten Architekturepochen verpassen - ein bemerkenswerter Unterschied beispielsweise zu den Retorten-Geschäftsvierteln wie Canary Wharf, die aufgrund ihrer in kurzer Zeit erfolgten Entwicklung zumindest heute noch eine meist ziemlich einheitliche Architektursprache sprechen. In der City ist das wie gesagt anders. Hier trifft Steinaltes (auf dem untersten Bild: St. Paul, Englands Heiligtum, so gesehen vom Dach des Einkaufszentrums One New Change) auf Futuristisches.




Drei Anmerkungen wollte ich noch machen, die indirekt viel mit der City zu tun haben und die ich für erwähnenswert halte insbesondere für Vergleiche mit meiner Wahlheimat Berlin.

1) In U-Bahnen fand ich auf zahlreichen Fahrten durch die Innenstadt Londons nur zirka zweimal einen Sitzplatz. Uhrzeit egal.
2) Geschätzt auf jeder zweiten Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sah ich mindestens ein iPad von Apple in meiner nahen Umgebung.
3) In London laufen sehr viele Leute in Anzügen durch die Stadt.

Berlin hat keine City - und zwar nicht erst seit gestern. Das Verhältnis, wie oft ich bei meinen Fahrten mit dem öffentlichen Verkehr einen Sitzplatz finde, ist hier etwa das Gegenteil: Auf zahlreichen Fahrten finde ich zweimal keinen Sitzplatz. Morgens auf dem Weg zur Arbeit stehe ich einmal im Monat. Die Tablets von Apple sehe ich so gut wie nie. Dasselbe gilt für Leute in Anzügen, sie sind eine seltene Spezies in den allermeisten Stadtteilen.

Insbesondere der iPad-Index dürfte relativ aussagekräftig sein hinsichtlich der ökonomischen Power und Bedeutung einer Stadt. Das Gerät ist ziemlich teuer, man braucht es nicht wirklich - aber es ist saugeil und zurzeit noch ein ziemlich begehrtes Statusobjekt. Deshalb ist es für mich irgendwie ein bisschen zum Symbol dieser London-Reise geworden.

Und im Übrigen gefällt mir die Entspanntheit Berlins ja im Grunde genommen ganz gut. Besonders das Platzangebot in öffentlichem Verkehr und auf Straßen ist mehr ein Segen als etwas anderes. Die Stadt mit ihren über drei Millionen Einwohnern wirkt nach London fast wie ein verschlafenes Dorf. Aber die Anzüge fehlen mir schon ein wenig. Klar, sie mögen für manche Symbol des verhassten Kapitalismus sein. Das ist mir in erster Linie jedoch erstmal nicht so wichtig. Zudem kann Entspanntheit leicht mit affiger Nachlässigkeit verwechselt werden. Ich begrüsse die Präsenz von Anzügen und Krawatten schon alleine aus ästhetischen Gründen. Viele Leute sehen darin einfach besser aus und die städtische Szenerie gewinnt durch talentierte Anzugträger ein mir willkommenes Mehr an Eleganz und Haltung. Das Problem ist bloss, dass mehr Anzugträger eine stärkere Wirtschaft bedeuten, was einen höheren Druck auf den Immobilienmarkt bedeutet, was in der Tendenz weniger Freiräume bedeutet, was weniger Clubs wie das About Blank oder die Renate bedeutet, was weniger Einzigartigkeit für Berlin bedeutet. But there is no such thing as a free lunch.


P.S. Am Samstag waren wir im Kino und haben uns Margin Call angesehen, den Film über die Tage vor dem Untergang der Investmentbank Lehman Brothers. Sehenswert! Der Equitiesfloor in der Investmentbank, welche wir vorletzte Woche in der Londoner City besuchten, war einiges schöner als der schmuddelige Floor der Brothers in Manhattan. Aber in beiden Fällen sitzen die BSD ja sowieso auf dem Bondfloor, nicht wahr, Herr Lewis?

Samstag, 22. Oktober 2011

The Shard London


In London wird der zukünftig höchste Wolkenkratzer der EU und zweithöchste Wolkenkratzer Europas hinter einem schrecklichen Turm in der Moskauer City gebaut (Höhe: 310 Meter). Der architektonische Entwurf stammt vom Italiener Renzo Piano, bekannt auch für das Privileg, in Bern das Klee Museum gebaut haben zu dürfen. Der Name ist Scherbe.

Auf unseren Stadtwanderungen durch London haben wir uns ständig über dieses Gebäude unterhalten. Dies ist, gesetzt den Fall man interessiert sich für Architektur, fast unumgänglich, denn der Turm ist eine echte Landmarke und daher aus allen möglichen Perspektiven gut sichtbar.

Da ich in den letzten Tagen viel über zwei Stadterneuerungsprojekte (Canary Wharf und Stratford) geschrieben habe, möchte ich mich diesmal kurz halten mit Worten und in erster Linie die Bilder sprechen lassen. Es braucht nicht immer alles bewertet zu werden, das ist kindisch. Der Waise steht über solchen im Grunde ausserordentlich irdischen Tätigkeiten. Erklärt werden demnach nur die jeweiligen Perspektiven.


Oben: der Ganges *räusper: plumper Scherz* und die Shard auf der linken, südlichen Uferseite mit Blick gen Westen.


Oben: Kirche vor Scherbe, bemerkenswerter Kontrast in Southwark.


Oben: Borough Market wird überragt von der Scherbe.


Oben: Shard in der Abenddämmerung, gesehen von der Millennium Bridge bei der Tate Modern in Richtung Osten.


Oben: Aussicht auf den höchsten Turm der EU vom Dach des von Jean Nouvel entworfenen Einkaufszentrums One New Change. Tipp: die öffentlich und umsonst zugängliche Dachterrasse ist noch nicht sonderlich bekannt. Das wird sich natürlich bald ändern.

Freitag, 21. Oktober 2011

Stadterneuerung: Stratford London

Gestern machte ein Artikel über die Stadterneuerung in den Londoner Docklands den Auftakt in meine kleine London-Serie. Nach diesem Projekt mit Wurzeln in den 1980er Jahren folgt nun heute als Fortsetzung ein Artikel zum zeitgenössische Stadterneuerungsbeispiel in Stratford.

Historisch betrachtet war Stratford eine landwirtschaftliche Ortschaft im Nordosten Londons. Mit der Industrialisierung und dem Aufkommen der Eisenbahn wurde es besonders im 19. Jahrhundert zu einem Schwergewicht industrieller Fabrikationen. In einem größeren Zusammenhang lässt sich wohl sagen, dass der Osten Londons prädestiniert war für industrielle Ansiedlungen. Zentral bestand schon seit römischen Zeiten die auf Handel und Kommerz ausgerichtete City of London, und im Westen entwickelte sich früh die City of Westminster, das die City ergänzende Zentrum für Kirche und Politik. Somit gehe ich davon aus, dass die alte Stadtentwicklung im Zusammenhang mit Geist und Adel ähnlich wie in Berlin westlich ausgerichtet war. Da zudem oftmals ein von Westwinden geprägtes Klima herrschen dürfte, war die Industrie im Osten schon aus zwei Gründen ideal platziert. Schlussendlich fließt im Gebiet von Stratford auch der River Lea, welcher in der Industriezeit vermutlich Quelle für Energie und Auffangbecken für Abwässer war.

Stratford war also eine Arbeitergegend und dementsprechend entstanden auch in der Nachkriegszeit noch einfachere Wohnblocks, welche mich unweigerlich an englischen Grime oder Hooligan House Marke Audio Bullys denken ließen.


London als Gesamtstadt ist gegenwärtig aber eine Global City und scheint zudem aus allen Nähten zu platzen. Es macht aus dieser Perspektive also möglicherweise durchaus Sinn, Edge Cities zu entwickeln, um, so die Hoffnung, das Zentrum zu entlasten und die Stadt „dezentral zu zentralisieren“ wie der Schweizer sagen würde. Die Londoner haben dafür den London Plan entwickelt, und Stratford spielt in diesem städtebaulichen Entwicklungsprozess eine wesentliche Rolle.

Der erste massive Eingriff hinsichtlich die Neugestaltung des Gebiets war der Bahnhof Stratford International, der 2009 eröffnete und an welchem fortan Eurostar-Züge der High Speed 1 von London auf das europäische Festland – oder auf den Mars, aus Sicht der Engländer – einen Halt einlegen sollten. Bislang tun sie dies aus betriebswirtschaftlichen Gründen allerdings nicht; kein guter Start also für die Entwicklung einer für London zentralen Edge City.

Nichtsdestotrotz folgen nächstes Jahr die olympischen Sommerspiele in London-Stratford. Diese Spiele bedeuten, wie aus anderen Städten wie vor allem Barcelona deutlich wurde, eine vermutlich einmalige städtebauliche Chance. Sie passen deshalb auch passgenau in das städtische Top-Down-Entwicklungskonzept für Stratford. Dass Olympia eine massive Restrukturierung des Gebietes bedeuten würde, begriff 2005 auch der Regisseur Paul Kelly. Er produzierte deshalb damals den poetischen und sehenswerten Kurzfilm „What Have You Done Today, Mervyn Day?“ – inklusive wundervoller und von Saint Etienne komponierter Filmmusik, die mich schon 2005 und ohne das Gebiet jemals persönlich gesehen zu haben berührt hatte.


Schaut man mit den Augen von Mervyn Day auf die Baustelle, lassen sich bereits heute übergroße Außerirdische erkennen, die im Lower Lea Valley gelandet sind und über die 2012 weltweit berichtet werden wird. Besonders der rote, skulpturale Orbit-Turm von Anish Kapoor wirkt heute irgendwie zusammenhangslos in den Raum geworfen und lässt bei mir die Vermutung aufkommen, dass hier jemand um jeden Preis auffallen will.



Neben Verkehrsinfrastruktur und Olympia werden auch weitere Einrichtungen gebaut, von denen man offensichtlich zu glauben scheint, dass sie benötigt werden. Das wären einerseits eine der größten Shopping-Malls Europas: Westfield Stratford City. Andererseits entstehen zurzeit auch zahlreiche zeitgenössische Wohntürme mit solch vielsagenden Namen wie beispielsweise dem unten abgebildeten Genesis. Sicherlich handelt es sich allen Wohnungen um „luxury condos“ oder „stunning penthouses“ oder so. Wie immer halt bei solchen Projekten *gähn*.





Inwiefern diese Regeneration nicht nur das räumliche Bild, sondern auch die Sozialstruktur verändern wird, bleibt offen. Einen diesbezüglicher Artikel der englischen Zeitung Guardian zeigt jedoch bereits, in welche Richtung es bislang zu gehen scheint.

Gerne würde ich jetzt zugeben, dass mich die Bilder der internationalen Sportstätten-Architektur, der unverwurzelten Skulptur von Anish Kapoor und die Young-Professionals-Türme in Stratford irgendwie melancholisch gestimmt haben. Aber damit oute ich mich doch irgendwie auch nur als neokonservativer und nostalgischer Sozialromantiker oder dergleichen. Denn: was bedeuteten denn die Fabriken damals, als sie neu waren? Etwa etwas anderes als die Gebäude und Strukturen von heute? Früher war es der Landwirt der klagen konnte wenn die Zukunft unvermittelt über ihn hereinbrach, gestern war es der Arbeiter, im Hier und Jetzt sind es die letzten verbliebenen Arbeiter oder der Künstler in der verlassenen Fabrik. Und morgen wird das Klagen dann vom einfachen Dienstleister stammen und übermorgen vom Engländer.

Irgendwann wird der Orbit-Turm vermutlich Kulturerbe darstellen oder was weiß ich. Deshalb denke ich manchmal, dass alles, was wir machen sollten der Versuch ist, den in Schüben auftretenden aber eigentlic ständigen Wandel mit Würde zu meistern, was auch immer das für den Einzelnen bedeuten mag. Oder wie es die Stimme am Ende des Films sagt: „People say it’s all gonna change. But the Lea Valley is always been about change.“