Freitag, 16. Oktober 2009

Traumpreise in Bürokratien

Erster Blogpost seit Ewigkeiten? In der Tat, und das mit gutem Grund. Wir leben jetzt zwar seit knapp zwei Wochen in der deutschen Hauptstadt, aber Internetzugang haben wir noch keinen. Nach einem internationalen Umzug stehen nämlich nicht wenige Dinge an, welche der akademische Immigrant erledigen muss… Zum Beispiel Internet- und Telefonzugang: Im Gegensatz zu Helvetien, wo man üblicherweise zwischen zwei, vielleicht drei Anbietern auswählt, stehen dem Surfjunkie hier etwa gleich viele Anbieter zur Auswahl wie Ost-Berlin seinerzeit stramme Kommunisten zählte. Mit anderen Worten: Viele Anbieter. Wo sich dabei der Spreu vom Weizen trennt ist für Laien wie unsereins kaum auszumachen. Hat man dann schlussendlich eine Wahl getroffen, nehmen sich die Herrschaften auch noch grosszügig Zeit, bis der Anschluss dann auch wirklich funktionstüchtig ist. Mir jedenfalls ist der Geduldsfaden gerissen, ich schreibe – immerhin genüsslich einen Milchkaffee trinkend – aus einem WLAN-Café. Das Gute daran (Denkblase: *Es gibt immer zwei Seiten der Medaille, nicht wahr?*)? Der Spass kostet mit Flatrate im Internet und Telefonaten auf Festnetze in allen möglichen europäischen Ländern faire 25 Euro im Monat.

Wo wir schon bei den Preisen sind, muss ich einfach doch noch auf die zwar alte aber dennoch eindrückliche Leier des Preisniveaus zu sprechen kommen. Gelangweilte überspringen diesen Abschnitt oder öffnen sich ein schönes, kühles Bier, damit die Lektüre erträglicher wird. Es ist nämlich so: Einiges, um nicht zu sagen das meiste, ist hier herrlich günstig wenn man als Tourist oder Quasi-Tourist anreist und nicht von Hartz IV lebt. Einge Fallstudien: Herrliche Currywurst mit Brötchen? 1.40 und man ist am Start. Subway Sub (Kult!) des Tages? 2.49 und man beisst nicht auf Granit, sondern in herrliches Chicken Fajita mit Feta und anderen Köstlichkeiten. Doch auch in gehobenen Speiselokalen, wie beispielsweise der wärmstens empfohlenen Gendarmerie in Mitte, isst man ein sättigendes Wienerschnitzel vom Kalb mit vorzüglichem Kartoffelsalat für vernünftige 20 Euro oder so. Bei einem Vergleich mit der Schweiz ein eindeutiger K.O.-Sieg – und zwar spätestens in der dritten Runde nach einseitigem Kampf. Auch ein Besuch beim Coiffeur wird mich etwas zwischen einem Drittel und der Hälfte dessen kosten, was ich bei den Halsabschneidern in der Alpenrepublik zahlen würde. Löbliche Ausnahme: Ali aus Syrien in der Wallgasse in Bern. Dieser Held unserer Tage schneidet dem Herrn die Haare für sagenhafte 18 Franken und ist darüber hinaus ein echt feiner Kerl. Egal, zurück zum Geschäft – Zeit ist Geld.

Ich will jetzt hier nicht stundenlang Preise vergleichen. Dennoch möchte ich zum Abschluss nochmals auf die „Kehrseite der Medaille“ zurück kommen. Die Organisation gewisser Dinge läuft in Berlin nämlich andererseits schon deutlich weniger effizient als andernorts. Auch dies soll anhand eines prägnanten Beispiels verdeutlicht werden: Als nicht EU-Bürger benötigen wir eine Aufenthaltserlaubnis zu Studienzwecken. Ähnlich, wie wenn man als Student nach Tansania fährt, zum Beispiel. Wir fuhren deshalb zur Ausländerbehörde. In weiser Voraussicht hatten wir keinen Kaffee getrunken. Weshalb diese Vorsichtsmassnahme? Koffein macht wach. Ein wacher Zustand ermöglicht rationelleres Denken. Ohne Koffein lässt sich der Halbzustand zwischen Schlaf und fortgeschrittenem Reflektieren über die Umwelt länger halten, mit Glück einige Stunden lang bis in die Mittagszeit. Was tut man also, wenn man an einen Ort fahren muss, an welchem zahlreiche Gefahren lauern (Anmerkung für jene, die sich auch noch in eben diesem Halbzustand befinden: Gemeint ist die Ausländerbehörde in Berlin)? Man verzichtet auf Kaffee und hält so die Nerven ruhig und das Denken im Standby. Den Grund brauche ich nicht zu beschreiben, das folgende Foto ist selbsterklärend.


P.S. Die drei bis vier investierten Stunden waren umsonst. Der Beamte erklärte uns, als wir schlussendlich in seinem Büro waren, dass er uns heute aufgrund des grossen Andrangs keine Aufenthaltserlaubnis mehr ausstellen könne. Er könne heute nur beraten. Ich hätte ihm daraufhin – wenn er mir ehrlich gesagt nicht so Leid getan hätte – auch gerne eine kostenlose Beratung offeriert…

Sonntag, 20. September 2009

Abschiedsfest

Wenn sie nicht gestorben sind feiern sie noch heute... Danke fürs Kommen und Bleiben! Es hat Spass gemacht.






Bien-être en Provence

Berlin ist schön und gut. Klar. Aber es gibt auch andere Reize auf dem alten Kontinenten. Beispielsweise das milde Licht des Spätsommers in der Provence - gewissermassen als Kontrast zur preussischen Strenge, wenn man so will. Ergo (schönes Wort...) musste die Gelegenheit zur künstlichen Verlängerung des Sommers gepackt werden: Ein paar Tage in Marseille und Umgebung versprachen der in Bedrängnis geratenen Seele mit Bestimmtheit eine gewisse Linderung.

Ein langweiliger Reisebericht ist nun jedoch das letzte, was der geneigte Leser oder die geneigte Leserin erquicken dürfte. Deshalb beschränken wir uns auf einige wenige Tipps für einen Besuch der Bouches-du-Rhône:

Im Süden des Stadtgebiets von Marseille befindet sich die unter Architekturliebhabern hoch geschätzte "Cité Radieuse", ein eindrücklicher Wohnkomplex des weltbekannten Architekten Le Corbusier. In dieser sogenannten "Unité d'Habitation" - einer Wohnmaschine - befindet sich ein empfehlens- und preiswertes Hotel. Ein Aufenthalt in einem diesem Gebäude ist in der Tat eine spannende Angelegenheit. Hat man dann erstmal genug vom Leben in einer Box empfiehlt sich beispielsweise ein Ausflug in die wunderbar lebendige und pittoreske Stadt Aix-en-Provence, wo des Restaurant "Le Petit Verdot" auserlesene Speisen und Weine offeriert. Das Côte de Boeuf à la Rossini ist köstlich! Doch man muss nicht nach Aix fahren, um wie Ludwig der Sonnenkönig schlemmen zu dürfen. Am Hafen in Marseille im "Kahena" gereicht zum Beispiel auch ein nordafrikanisches Couscous mit Fisch und günstigstem Tafelwein zur vollkommenen Glückseligkeit. Oder: eine kurze Wanderung in die Calanques!










Freitag, 18. September 2009

Wohnungssuche im Osten

Die Humboldt-Universität zu Berlin hat ihre Niederlassungen überall in ganz Berlin. Eine "Länggasse" wie in Bern existiert in diesem Sinne nicht; und schon gar nicht ein zentraler Campus wie in Übersee. Unser moderner Campus - Heimat der Naturwissenschaften und der Mathematik - heisst Adlershof und liegt im fast an der polnischen Grenze gelegenen Südosten der Stadt im Bezirk Treptow. Klar, die gelangweilten und nerdigen Naturwissenschaftler schickt man auf die grüne Wiese: Diese Gattung studentischer Kreaturen bekundet per definitionem kein Interesse an kulturellem, städtischem Leben. Im Fokus stehen nichts anderes als Bücher vom Gewicht eines Kleinwagens und Simpsons am TV. Da kann man ohne Beklemmung in der periurbanen Zone leben.

Wir sehen das anders. Dementsprechend haben wir unser Domizil in den östlichen Bezirken und Quartieren Kreuzberg-Friedrichshain, Neu-Kölln und Treptow-Park gesucht. Letzteres wird aller Voraussicht nach unser zukünftiger Wohnort sein. T-P ist ein Teil des riesigen Bezirks Treptow und liegt in erfreulicher Nähe zu zahlreichen relevanten Koordinaten. Hier sind die Mieten noch herrlich und die Fahrraddistanz beispielsweise zum "Alex" (Alexanderplatz) oder ins Epizentrum von Friedrichshain bewegt sich in vernünftigen Dimensionen. Ausserdem befinden wir uns hier im wilden Osten, einem Osten, wo die Strassen solch sagenhafte Namen tragen wie PUSCHKINALLEE (Alexander Sergejewitsch Puschkin lebte im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts und gilt als Begründer der modernen russischen Literatur. Er starb - ganz unmodern - an einer Schussverletzung, welche er sich bei einem Duell zugezogen hatte)! Ein weiteres Plus: Die Spree und ein weitläufiger Park - konsequenterweise der Treptower Park, nicht wahr (?) - liegen quasi vor der Haustüre. Das Beste: Der Club der Visionäre befindet sich ebenfalls in einer "auf allen Vieren" machbaren Entfernung. Schön.